Leben als lebende Geschichte

 

Sobald ich einigermaßen fließend lesen und schreiben konnte, habe ich angefangen, Bücher zu lesen – oder besser gesagt: zu verschlingen. Das sicher auch aus dem Grund, weil Bücher neben dem Radio mit seinem „Kinderfunk“ in meiner Kindheit das einzige verfügbare Medium war. Ich war das, was im damaligen Sprachgebrauch eine „Leseratte“ genannt wurde – und dabei ist es auch geblieben.

 

Wenn meine Eltern Besuch hatten, ging es immer sehr lebhaft zu. Ich saß meist mit weit aufgestellten Lauschern am Rande dabei und konnte nicht genug bekommen, von all den Geschichten, die ich dort zu hören bekam. Was hatten diese Menschen nicht schon alles erlebt, was hatten sie nicht alles zu erzählen! Doch obwohl meine Eltern und ihre Freunde zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal das vierzigste Lebensjahr erreicht hatten, kamen sie mir unglaublich „alt und weise“ vor.

 

Das hat sich in den folgenden Jahrzehnten weiter fortgesetzt. Egal ob in mündlicher oder gedruckter Form: ich konnte stundenlang zuhören oder mich über Stunden in Büchern verlieren. Erst in meinen Dreißigern wurde mir bewusst, welche Bezüge diese Geschichten zu mir selber und meiner eigenen Geschichte hatten. Insofern ist meine Faszination was Lebensläufe betrifft, weiterhin ungebrochen. Dabei kommt es mir bei Biografien oder Autobiografien gar nicht so sehr auf den objektiven Wahrheitsgehalt an. Meiner Erfahrung nach ist eine subjektive Darstellung kaum zu vermeiden und macht – wenn ich mir dessen bewusst bin – ja auch einen Teil der „Würze“ aus. Mir ist ein persönlich eingefärbter Lebensrückblick allemal lieber als eine blutleere Aneinanderreihung von Sensationen oder die Aufzählung aller möglicher „wichtiger“ Menschen, welche die eigene Person aufwerten.

 

Gehen wir also von unseren gemeinsam erlebten subjektiven Realitäten aus und interpretieren diese nicht als Gegensätze, sondern als gleichwertig nebeneinander stehende Ergänzungen, welche den jeweiligen Lebensbildern Farbe, Tiefenschärfe und Kontrast verleihen.

 

Seien wir also die Helden in unseren eigenen Lebens-Sagen, die Ammen, welche die ihnen zugeschriebenen Märchen erzählen, und die Geschichtenerzähler an den Lagerfeuern oder den Kaminen dieser Welt. Hauptsache ist doch, dass wir unsere ureigene Spur in der Geschichte dieses Schicksals-Kollektivs, welches wir die Menschheit  nennen, hinterlassen. Und ehe wir uns versehen, sind wir dabei auch immer wieder auf unserer eigenen Spur zu unseren Anfängen zurückgekehrt. Bewahren wir uns daher dieses Staunen, das uns am Anfang erfüllt hat. Denn diese Geschichte ist unsere Geschichte. Und sie verdient es, erzählt zu werden. Lauschen wir deshalb in uns hinein und stellen uns immer wieder die Frage: was habe ich mir selber zu sagen? Diese Antworten in ihrer Bedeutung zu erkennen und sie als Leitfaden, als Orientierungshilfe auf unserem Lebensweg zu nutzen, wird unser Leben in ein endloses Abenteuer verwandeln.