Auszüge aus den Büchern von Achim


Windblumen

Mutter Erde im Sternenstaub


Eine spirituelle Reise mit den Wassergeistern um die Welt
die mich lehrte, dass wir alle Mondperlen und Sternenstaub in uns tragen


Mondperlen-Nacht (5 Minuten)
Heimkehr zu den Wasserseelen (5 Minuten)
Feuervogel - Auf dem Ozean des Friedens (5 Minuten)
Heilige Gesänge im Taygetos Gebirge (4 Minuten)
Bei den Amazonen am Schwarzen Meer (6 Minuten)

Mondperlen und Wasserseelen

Die Geschichte des Buchs Windblumen

Als erstes kam der Titel des Buchs zu mir. Dieser fühlte sich gut an und ich legte einen Ordner im meinem PC an. Dann geschah für einige Jahre erst einmal gar nichts. Doch als dann die Gedichte Mondperle und Sternenkind zu mir kamen, folgte der Impuls, dieses Buch meiner Enkeltochter zu widmen. Obwohl ich nur einige vage Ideen hatte, begann ich sofort mit dem Schreiben. Die Geschichte entwickelte sich wie die darin auftauchenden Charaktere von selber und ich brauchte sie, unterstützt von einigen Recherchen, nur noch aufzuschreiben. Ein faszinierender Prozess, der nach vier Monaten intensiven Schreibens und 450 Seiten sein natürliches Ende fand.

Und so beginnt die Geschichte

Nachdem ich von den Erdgeistern in die magische Tradition der Mondperlen-Nächte eingeführt worden war,  wurde ich an der Nordküste von Lanzarote unversehens von den Wassergeistern aufgenommen und konnte mit einigen von ihnen eine spirituelle Reise um die Welt antreten. Im Laufe eines Erdenjahres kamen wir mit den vielfältigen Wundern von Mutter Erde in direkten Kontakt. Mit ganz viel Sternenstaub in unseren Augen, der uns lehrte, wie wir den Weg zurück zu unserer wahren Natur finden können. Vor allem aber, uns selbst als ein winziges Teil eines großen, allumfassenden Ganzen zu erleben, welches uns mit unendlicher Geduld immer wieder aufhilft, wenn wir ein weiteres Mal gestrauchelt sind. Damit wir auf dem Weg nach Hause genau das Vertrauen entwickeln, dass wir brauchen, um unseren ganz eigenen Weg gehen zu können. Um letztendlich dort wieder anzukommen, wo unser ewiger Weg einstmals begonnen hat.

Mondperlen-Nacht

Aus Windblumen - Mutter Erde im Sternenstaub (5 Minuten)

 

Wie ich wusste, regnete es in jeder Nacht Mondperlen, doch die weitaus meisten kamen in den Nächten um den Vollmond herum zu Mutter Erde. Dann schwebte unsere Mutter in einer Wolke aus Sternenstaub. Wer sich also ganz sicher sein wollte, machte sich in einer Vollmondnacht auf den Weg, um einen guten Platz zu finden, an dem mit Mondperlen zu rechnen war. 

 

Und heute wurde der Mond wieder voll sein. Ich war sehr gespannt, ob ich selber Mondperlen finden würde. Wie würden sie sich wohl anfühlen? Und welche Wirkung würden sie auf mich haben?

 

Nach einer endlos scheinenden Weile, in der wir wortlos miteinander verbunden dahingegangen waren, und die wie in allen Mondperlen-Nächten aus einem zeitlosen Raum erschien und wieder in diesen zurückkehrte, trat ich zusammen mit den Erdgeistern aus dem Schatten des Waldes heraus. Vor uns lag die Morgenseelen-Wiese, welche gerade aus dem bläulichen Zwielicht der Dämmerung in die silbrige Flut des vollen Mondes hinüber glitt.  

 

Um die Morgenseelen-Wiese herum konnten wir all die Elfen und Schrate schemenhaft wahrnehmen, wie sie im Grenzbereich zwischen Licht und Schatten ihre Plätze gefunden hatten. In der Mitte der Wiese hatte Juliana Ikebana einen Platz freigehalten, der von ringförmigen Blumenrabatten eingefasst war, welche sie mit den blühenden Brüdern und Schwestern des Waldes bepflanzt hatte. 

 

Im Zentrum dieses Rondells hatte Heini Holzwurm den kleinen transportablen Altar aufgebaut, an dem die weise Wanda Walpurgis in der Mondperlen-Nacht immer ihre Rituale durchführte. In der Mitte des Altars stand die in mühevoller Handarbeit liebevoll geschnitzte Holzschale, in welcher im Laufe der Nacht einige der kostbaren Mondperlen gesammelt werden würden.

 

Aber noch war es nicht soweit. Im nun nächtlichen Schweigen, welches sich über Wald und Flur und insbesondere über die Morgenseelen-Wiese gelegt hatte, stand Wanda Walpurgis in der Mitte der Wiese still wie eine Statue. Nur ab und zu ließ sie sich von dem, was sich jetzt langsam vom Himmel über die Wiese herabsenkte, in Bewegung versetzen. So still wie eine Wasserpflanze, die sich den Fließbewegungen eines Bachs hingab.  

 

Wieder einmal legte sich dieser Schleier aus Licht, Liebe und kühler Wärme schützend um Mutter Erde. Und wir hier unten, auf dieser Lichtung in diesem Wald, genauso wie an allen anderen Orten, an denen sich jetzt die Wesen versammelt hatten, welche auf die Mondperlen warteten, wurden Teil von diesem mild glänzenden Strom und hatten Sternenstaub in unseren Augen.

 

Ich gab mich ganz dem Zauber des Augenblicks hin. Sowohl dem Zauber als auch dem Augenblick. Eingebettet in dem nun alles umfassenden Lichtschleier schwebten Mondperlen über uns und senkten sich ganz langsam auf uns herab. Wir konnten sehen, wo sie den Boden berührten, und konnten spüren, wo sie uns selber berührten.       

 

Und wieder einmal wurde uns bewusst, dass es mehr als genug Mondperlen für alle Wesen geben würde, weil die Existenz uns an ihrer Fülle und ihrem Überfluss teilhaben ließ. Wir hier auf der Morgenseelen-Wiese versammelten Wesen spürten die Gnade, die diesem Augenblick, diesem Wimpernschlag in der Ewigkeit innewohnte. Und die Geheimnisse des Lebens, die sich uns im Sternenstaub offenbarten, fanden ganz von selber, ohne unser Zutun, ihren Weg in unser tiefstes Inneres, in den Kern unseres Wesens, der den Mondperlen so ähnlich war. Der Mond, der weiter seine stille Bahn über das Himmelszelt zog, sah uns in Andacht versunken und doch in einer ganz entspannten Weise hellwach. 

 

Längst waren Mondperlen in unsere geöffneten Hände gesunken. Auch die Schale, welche Wanda dem Mond entgegen hielt, füllte sich mehr und mehr. Vor allem aber füllten sich unsere Herzen. Wir genossen jeden Atemzug, wurden eins mit dem Rhythmus unserer Herzen und dem Herzschlag von Mutter Erde. 

 

Bald würde der Morgen grauen, bald würde das erste Licht des Tages seinen Weg durch die Bäume finden. Dann war es an der Zeit für die Mondperlen, sich wieder aufzulösen und ihren Weg zurück zum Mond zu finden. Doch der Große Geist würde weiter über uns wachen, uns in den Tag und in unser Leben entlassen und dabei weiter mit uns sein. So, wie er schon seit Anbeginn der Zeiten mit uns gewesen ist.             

Heimkehr zu den Wasserseelen

Aus Windblumen - Mutter Erde im Sternenstaub (5 Minuten)       

 

Die Wasserfront am Rande eines Lavafeldes in der Nähe der kleinen Siedlung Tenesar an der Nordküste Lanzarotes, tiefschwarz und zerklüftet, ergab zusammen mit dem landeinwärts gelegenen Kegel der Caldera Blanca im Rücken, ein urzeitliches Bild. Hier stemmten sich keine von Menschen errichteten Wellenbrecher gegen die Fluten, sondern die Insel selbst. 

 

Ich überschritt voller Vorfreude die Grenze zum Parque Nacional de Timanfaya und wanderte die Küste entlang. Hier empfing und umfing mich eine Landschaft, die rudimentärer und schmuckloser nicht hätte sein können. Über viele Kilometer sah das Auge nichts als Lava, die sich manchmal zu Haufen türmte und zur Meerseite hin in steilen Klippen abfiel.      

 

Es herrschte kein Sturm, obwohl ein kräftiger Wind wehte. Aber irgendwo weit draußen musste sich ein Sturmtief befinden, welches riesige Wogen vor sich her und auf die Insel zutrieb. Ich folgte dem Pfad, welcher sich seinen Weg durch das schwarze Geröll bahnte. Dabei hatte ich das Gefühl, mich auf einer riesigen Halde aus Koks und Schlacken zu bewegen. Hier war die Erde wirklich nackt und bloß, nur an wenigen Stellen konnten sich außer Flechten einige kümmerliche Pflanzen halten. 

 

Je weiter ich auf diesem sich windenden Weg voranschritt und mich von den letzten Häusern entfernte, desto ursprünglicher und einsamer wurde die Landschaft. Schließlich war ich ganz allein mit dem Wind und den Wellen, mit der Sonne und mir selber.

 

Dabei überkam mich ein eigentümliches Gefühl, so als ob ich aus der Zeit gefallen wäre. Vermutlich war ich das auch, denn obwohl ich mich nach wie vor durch das Lavafeld bewegte, der Wind meine Haare flattern ließ, an meinem T-Shirt zerrte und die Wellen sich an den Felsen brachen, fühlte ich mich wie zu Anbeginn der Zeiten.  

 

Als ich auf meiner Wanderung das Gebiet von Piedra Navarro erreicht hatte, suchte ich mir auf einem Felsen, der in das tosende Meer hinaus ragte, einen schönen Platz, um genussvoll Rast zu machen. Wie schon an anderen Stellen, an denen ich bisher vorbeigekommen war, fand ich hier eine unverwechselbare Atmosphäre vor. Außer mir keine Menschenseele weit und breit. Das endlose Lied der Brandung, die bis zu zehn Meter hoch spritzenden gewaltigen Gischtfontänen, die entstanden, wenn die Wellen auf die Felsen krachten, die Sonnenwärme und die fühlbare Einsamkeit um mich herum versetzten mich in einen angenehmen Wachschlaf.

 

Und dann hörte ich ihn – den Gesang der Elfen. Erst leise, kaum hörbar, stahl er sich in das Brausen der Wogen und in den Gesang des Windes,  bis sich seine Melodie in die Symphonie dieser Naturklänge eingefügt hatte und mit ihnen verschmolz. Ich spürte, dass die Tür zu anderen Welten auf höheren Ebenen des Bewusstseins sich wieder für mich zu öffnen begann. 

 

Und dann sah ich etwas. Etwas, was über dem Wasser schwebte und langsam näher kam. Der Geist über den Wassern, schoss es mir durch den Kopf. Was auch immer dort auf mich zukam, war etwas, was ich noch nie gesehen hatte. Es ähnelte einer pulsierenden, sich langsam drehenden spiralförmigen Wolke, welche ihre Form fortwährend veränderte.  

 

 Ich war fasziniert und verspürte überhaupt keine Angst. Was auch immer sich da auf mich zu bewegte – es war nichts, wovor ich mich fürchten musste. Aber es erreichte mich. Mit Gesang. Die Bewegung dieses Phänomens wurde langsamer, bis es genau auf der Trennlinie zwischen Wasser und Land zum Stillstand kam. Es schien mir zum Greifen nah und dennoch unerreichbar. 

 

Nach einer Weile verklang der Gesang und es herrschte Stille. Oder fast, denn die Brandung war jetzt nur noch ganz leise zu hören. Das erstaunte mich, aber nicht wirklich. Ich wartete auf das, was jetzt kommen würde. Das wolkenähnliche Gebilde drehte sich jetzt nicht mehr, pulsierte aber weiter, während es ein schwaches Leuchten ausstrahlte, welches trotz des hellen Sonnenlichts deutlich zu sehen war.

 

Doch dann hörte die Bewegung plötzlich auf. Es wurde ganz still – um mich herum und in mir selber, und ich fand mich plötzlich im Wasser wieder, welches mich jetzt von allen Seiten umschloss. Ich war zu Wasser geworden, zu einem Wassertropfen im Ozean. Doch dafür hätte ich eine Begrenzung spüren müssen. Aber zu meinem Erstaunen fühlte ich mich stattdessen grenzenlos. 

Da vernahm ich wieder den Gesang der Elfen. Und ehe ich mich versah, war ich es, der jetzt über den Wassern schwebte, schwerelos. Angst stieg in mir auf. Mir wurde bewusst, dass ich das, was jetzt offensichtlich auf mich zukam, nicht mehr unter Kontrolle haben würde. Doch genau so stark wie die Angst war auch das Vertrauen in die Existenz. Das Leben hatte mich bis hierher getragen und würde mich auch weiterhin tragen. Ich war voller Zuversicht.

 

Wie schön, dachte der Große Geist und wendete sich voller Frieden wieder seinem Tagwerk zu.

 

Einen Wimpernschlag später hatte sich mein Körper bereits aufgelöst, wurde zu einem formlosen Energie-Phänomen, welches nicht mehr an Materie gebunden war und dadurch Materie durchdringen konnte.

 

Langsam wie ein fallendes Blatt senkte sich mein Sein dem Wasser entgegen. Aus den Tiefen meines Innern quoll ein überwältigendes Gefühl empor, nach Hause zu kommen und überflutete mein ganzes Wesen. Jetzt fühlte ich mich wie Wasser, ich war endgültig zu Wasser geworden.

 

Als ich schließlich die Wasseroberfläche berührte, durchströmte mich ein so starkes Glücksgefühl, dass es mein ganzes Sein zum Leuchten brachte. Ich leuchtete genauso wie all die Wasserseelen, die ich auf einmal überall um mich herum sehen konnte und fühlte mich schwerelos. Diese Wasserseelen waren weich und formlos fließend und ließen, wenn sie sich durchs Wasser bewegten, eine kleine leuchtende Spur zurück, die bald erlosch, aber nicht verging. 

 

Sternenstaub, dachte ich, auch hier, im Wasser. Die Zeit verging, zerfloss und löste sich auf im Sternenstaub, kehrte irgendwann zurück, wehte vorbei, entfernte sich und näherte sich wieder, um sich abermals aufzulösen. Ich glaubte den Atem der Existenz zu spüren.

Feuervogel - Auf dem Ozean des Friedens

Aus Windblumen - Mutter Erde im Sternenstaub (5 Minuten)


 

Mondwasser

 

Auf unserer gesamten bisherigen Reise durch die Ozeane der Welt hatten wir die Mondnächte immer sehr genossen. Auf den endlosen Wasserflächen konnten wir zwar keine Mondperlen sammeln, doch sie schwammen überall um uns herum im Wasser und glitzerten wie Leuchtfische, die aus der Tiefsee aufgestiegen waren, um gemeinsam ein Lichterfest zu feiern. Unter uns das Meer des Großen Blaus, über uns das Meer der Sterne. Und zwischen ihnen die Mondperlen, die sich wie Schleier aus Licht auf die Erde nieder senkten.

        

Doch zusammen mit Aysu, dessen Name „Mondwasser“ bedeutete, gewannen diese Erlebnisse noch an Tiefe. Schon als Kind hatte er mit seiner Familie die Vollmondnächte am Strand des Schwarzen Meeres  verbracht. Es war kein Zufall, daß seine von ihm geliebte Großmutter den Namen Aybüke trug (= schön wie der Mond). Sie war es, die mit ihm am vom Vollmond hell erleuchteten Strand entlang wanderte, um gemeinsam Mondperlen zu sammeln.

 

„Doch hier, auf der freien Wasserfläche“, erklärte uns Aysu, „können wir förmlich in Mondperlen baden!“ Hatten wir das nicht schon immer getan? „Im Sinne des Wortes nur oberflächlich“, versuchte Aysu uns weiterhin zu begeistern. „Aber es wird euch noch zusätzliche Dimension eröffnen, wenn ihr nicht nur an der Meeresoberfläche schwimmt, sondern auch in die Tiefe abtaucht. Dort unten wird es erst richtig eindrücklich!“

 

Als dann die Nacht hereinbrach und der Mond voll und rund in einem tiefen Orangeton aus den Fluten gestiegen war, wagten wir uns unter Aysus Führung in die Tiefe. „Schaut nur, wie sich die Farben der Mondperlen verändern je tiefer wir kommen!“ Tatsächlich: Schimmerten sie an der Oberfläche und kurz darunter noch in dem gewohnten Silberton, verwandelte sich dieser bald in einen satten Goldton, der wiederum in einen dunkel glänzenden Rotgoldton überging, bevor er endgültig erlosch.

 

Wir waren ganz ergriffen von diesem Schauspiel. Nicht nur die Farbe der Mondperlen veränderte sich, sondern auch ihre Ausstrahlung. War das Silber von einem eher kühlen Glanz, erwärmte sich dieser Glanz immer mehr wenn er später golden und zuletzt in einem sanften Rotgold erglühte.

 

Wir waren soweit abgetaucht, bis es finster um uns herum wurde und uns kein von der Oberfläche kommendes Licht mehr erreichte. Als wir uns jetzt langsam wieder an die Oberfläche tragen ließen, bot sich uns ein wunderschöner, Herz und Seele erwärmender Anblick: Mondperlen in allen Farbschattierungen schwebten nicht nur über uns im Wasser, sondern auch rings um uns herum, wobei sie sanft von der Strömung bewegt wurden.

 

In diesen Augenblicken voller Gnade, in denen die pure Glückseligkeit in unseren Adern pulsierte, fühlten wir uns dem großen Ganzen so nahe wie sonst nie. Das waren auch die Momente, in denen der Große Geist zufrieden sein Werk betrachtete und wusste, dass alles gut war.

 

Seelenwolken

 

Irgendwann auf diesem Teilstück unserer Reise waren wir dazu übergegangen, tagsüber unsere menschlichen Formen anzunehmen. Dies geschah nicht nur wegen mir. Auch meine Freunde hatten nach und nach immer mehr Gefallen an ihrer Menschlichkeit gefunden. Wasserselen konnten sie ja noch für den Rest ihres Lebens sein.

 

Ausnahmen stellten die sporadischen Ausflüge unter Wasser dar, ebenso wie spontanes Spiel mit vorbeiziehenden Delphinen oder der Rückzug in die Schlafphase des Nachts, wenn wir alle uns in das Element zurückzogen, das momentan unser Lebensbereich war: das Große Blau.

 

„Es wird nie langweilig, über diese blaue Endlosigkeit zu treiben, nicht wahr?“ Enya hatte den Arm um mich gelegt und ihren Blick auf die in großer Höhe dahinziehenden Cirruswolken gerichtet. Ich fühlte sowohl die Tiefe meiner Zuneigung zu ihr als auch die Tiefe der Wassermassen, die sich unter uns befanden. Schließlich betrug die durchschnittliche Wassertiefe im Pazifik rund viertausend Meter – an ihrer tiefsten Stelle im Challengertief im Westpazifik sogar gigantische elftausend Meter.      

      

„Nein, es wird mir nicht langweilig“, antwortete ich, wobei ich mir aus tiefstem Herzen wünschte, dass diese innige Umarmung nie vorbeigehen würde. Ja, ich war verliebt und mehr als das in Enya. Und ich fühlte mich so federleicht wie die Cirruswolken über uns. Ich war verliebt in ihre Herzenswärme, die sich immer wieder in ihren grünen Augen ausbreitete, in ihr Lächeln, das einen Lichtschimmer auf ihr Gesicht zauberte. In ihre Art, zu schweigen, wenn es nichts mehr zu sagen gab, weil alles schon gesagt war – mit oder ohne Worte. Und ich wollte, dass diese Reise niemals zu Ende geht.

 

 

Tabish, der Feuervogel

 

Als wir unser Ziel, die Tonga Inseln, schon fast erreicht hatten, riss Enya uns eines Morgens aus dem Schlaf. „Ich hatte einen Traum“, berichtete sie ganz aufgeregt, „in dem eine mythologische Figur mit mir Kontakt aufgenommen hat!“

 

Sofort waren wir hellwach. „Er nannte sich Feuervogel und erzählte mir, dass er in der slawischen Mythologie beheimatet ist. Er glühte in einem warmen magischen Licht, welches ihn von innen her leuchten ließ, wobei sein reiches Gefieder in rot, orange und gelb erstrahlte.“

 

„Wo hält dieser Feuervogel sich jetzt auf?“ wollte Picabo wissen, da er wie immer bemüht war, Struktur in jeden Vorgang zu bringen. „Diese Frage habe ich ihm auch gestellt. Er sagte mir, dass er sich immer von Orten angezogen fühle, an denen er spirituellen Wesen hilfreich zur Seite stehen könne.“ 

 

„Hat er uns seine Hilfe angeboten?“ fragte Toja hoffnungsvoll. „Ja und nein. Er erklärte mir, dass er gleichermaßen Segen wie Unheil bringen könne“, fuhr Enya fort. „In den alten Sagen und Märchen wäre immer irgendein jugendlicher Held ausgezogen, um ihn zu fangen oder wenigstens eine Feder von ihm heimzubringen. Denn dann würde der jeweilige König seine Tochter dem Helden zur Frau geben. Nachdem er einige Jahrhunderte lang diese Rolle gespielt hatte, wäre er ihr und den damit verbundenen Verpflichtungen überdrüssig geworden und hätte sich aus diesem Korsett befreit. Nun sei er als freier Feuervogel bereit, alle Wesen zu unterstützen, die in seinen Worten „für eine gerechte Sache brennen“ und dafür durchs Feuer gehen würden.“ 

„Wie steht es mit der Aussage, dass er sowohl Segen als auch Unheil bringen könne?“ hakte Picabo nach. „Das würde sich nach dem Verhalten derjenigen richten, denen er seine Unterstützung anbietet. Doch er greife nicht aktiv ein, er sei nur eine Art Medium, ein Vermittler von möglichen Erfahrungen. Wer sich ihm gegenüber aufrichtig und ehrlich verhalte, könne damit rechnen, dass sich die Dinge für ihn zum Guten wenden. Wenn nicht …“, zögerte Enya, „dann würden diese „im Feuer der Wahrheit verbrennen“, wie er sich ausdrückte.“

 

„Also haben wir überhaupt nichts zu befürchten“, gab Aysu einen Seufzer der Erleichterung von sich. „Hat dieser Feuervogel dir auch gesagt, wann und wo wir ihn treffen können?“

 

Enya nickte. „Morgen Abend bei Sonnenuntergang wird er zu uns stoßen. Der Treffpunkt liegt direkt im Westen des nördlichen Endes des Tonga-Rückens, ist also noch ein ganzes Stück entfernt. „Und was erwartet uns dort?“ fragte Picabo.

 

„Der Unterwasser-Vulkan West-Matu, der immer noch aktiv ist“, gab  Enya die Informationen des Feuervogels an uns weiter. „Sein Gipfelkrater liege rund eintausend Meter unter dem Meeresspiegel, sei also relativ leicht zu erreichen. Auch sei die Ausbruchsspalte gut zugänglich. Wenn alles gut geht, können wir dort in das Element Feuer überwechseln.“

 

Nach einer unruhigen Nacht, in der ich in wirren Träumen vor Feuersbrünsten, Waldbränden und anderen Verbrennungs-Szenarien flüchtete, war das Aufwachen eine Erlösung. Meinen Reisegefährten war es ähnlich gegangen: der bevorstehende Transfer ins Feuer-Element stellte uns alle auf die Probe. Umso mehr genossen wir diesen letzen „freien Tag“ im Pazifischen Ozean, der sich zudem noch von seiner friedlichsten Seite zeigte. Wie sich herausstellte, schenkte uns die Existenz auch noch einen traumhaften Sonnenuntergang. 

Wir waren derart fasziniert von diesem Naturschauspiel, dass wir fast nicht bemerkt hätten, wie sich aus dem in roten und orangenen Flammen stehenden Himmel ein großer Vogel in ebenso feurigen Farben löste und auf und zu flog. „Der Feuervogel!“ rief Enya und deutete auf unseren neuen und uns noch unbekannten Begleiter, der in seinem leuchtenden Gefieder eine Ehrenrunde um uns flog, ehe er vor uns in der Luft stehen blieb.  

Heilige Gesänge im Taygetos Gebirge 

Aus Windblumen - Mutter Erde im Sternenstaub (4 Minuten)

 

Nach einem Ausflug in die Taygetos-Schlucht auf der Halbinsel Peloponnes machten wir uns am Nachmittag auf den Weg und stiegen den Berg hinauf. Da die Höhle, in der wir uns mit den hier lebenden Geistwesen treffen wollten, an der Ostflanke des Berges lag, gab es heute abend keinen Sonnenuntergang, dafür aber eine Überraschung. Als wir bei den angegebenen Koordinaten eintrafen, entdeckten wir eine lauschige Höhle, in der die Nymphe Taygete mit einem Dutzend ihrer Gefährtinnen schon auf uns wartete. 

 

Diese wohltätigen Geister der Berge, Bäume, Wiesen und Grotten mit ihrer weiblich beschützenden Ausstrahlung eroberten unsere Herzen im Sturm. Sie schweiften frei in der Natur umher und waren für ihre anmutigen Tänze berühmt. Diese langlebigen Naturgeister gehörten zu den Oreaden – den Berg-, Grotten- und Höhlen-Nymphen. Diese Höhle war eine ihrer zahlreichen Heimstätten und wir als ihre Gäste durften sie heute als Unterschlupf nutzen. 

 

„Doch heute wollen wir nicht tanzen, am heutigen Abend wollen wir singen!“ Taygetes altersloses Gesicht war von außerordentlichem Liebreiz geprägt, doch ihre kräftigen Hände bewiesen, dass sie auch zupacken konnte. 

 

„Auf unseren Reisen durch das Reich der Natur haben wir freundschaftliche Verbindungen zu anderen Naturgeistern aufgebaut. Deshalb sind seit einigen Tagen unsere Freundinnen von der Sirenen-Insel bei uns zu Gast.“ Ich horchte auf, denn die Legende vom betörenden Gesang der Sirenen war mir ein Begriff. „Himeropa, was sanfte Stimme bedeutet, und Ligeia, die Helltönende“, wies Taygete auf zwei der Sirenen, „haben zusammen mit ihren Freundinnen einige Gesänge ausgewählt, die sie uns nun vortragen wollen.“ 

 

Wir wurden sofort vom Gesang der Sirenen ergriffen. Bald konnten wir nicht nur hören, dass wir das Lied der Existenz sangen, wir konnten es auch fühlen: wir wurden von der Existenz gesungen. 

 

Immer wieder konnte ich überdies hören, wie die Stimme von Picabo in Wellen anschwoll und wieder verebbte. Noch nie zuvor hatte ich so viele Emotionen in seiner Stimme hören und fühlen können. Wie mochte mein Freund sich selber im Einklang mit der Existenz erleben? Konnte die Trauer, die in seinem Herzen wohnte, sich auf diesem Weg befreien? In diesem Augenblick wünschte ich ihm nichts sehnlicher als das. 

 

„Ich selber liebe es, mich auf Taygetes Gesänge einzuschwingen und irgendwann in den Gesang einzustimmen“, erklärte uns Himeropa nachdem der erste Gesang verklungen war. Himeropa lächelte und sprach mit genauso sanfter Stimme, wie ihr Name es erhoffen ließ, war aber dennoch von einer ganz klaren Präsenz. „Wir Nymphen können in verschiedenen Sprachen singen, natürlich auch in Altgriechisch. Am liebsten singen wir aber in der wortlosen Sprache der Götter, oder der Sprache der Existenz, wie ihr wahrscheinlich sagen würdet.“ Oh ja, diese Sprache kannte ich von den Elfengesängen! 

 

„Ich werde nicht umsonst die Helltönende genannt“, schloss Ligeia sich an. „Während Himeropa meist die Hauptstimme in einer mittleren Tonlage singt, schwebe ich irgendwo darüber. Wenn ihr spürt, dass irgendwann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, könnt ihr eure Stimme in eurer ureigenen Tonlage in den Gesang einfließen lassen. Die Männern unter euch mit ihren tieferen Stimmen können ein Fundament bauen, welches den ganzen Gesang tragen wird.“ Ich konnte es kaum erwarten und sah aus den Augenwinkeln, dass es meinen Freunden genauso ging. 

 

Der Gesang, zuerst von einer kaum hörbaren Zartheit geprägt, schwoll langsam immer mehr an, solange, bis er die ganze Höhle ausfüllte und Vibrationen entstehen ließ, auf denen sich zahlreiche Obertöne auf-bauen konnten. Über all dem schwebte die glockenhelle Stimme von Ligeia wie flüssiges Silber, das anschließend in glänzenden Tropfen an den Wänden der Höhle niederrann. 

 

Direkt eben mir gab sich Enya mit einer derartigen Unschuld ihrer Stimme hin, dass die Klänge, die sich daraus entwickelten, mir fast das Herz zerspringen ließen. Meine Freunde waren genauso wie ich selber tief in ihr Inneres abgetaucht und ließen über ihre Stimmen das aus ihrem Inneren aufsteigen, was sich jetzt in der Sprache der Existenz durch sie ausdrücken wollte. 

 

Dieses Lied hatte so sehr Besitz von uns ergriffen, dass wir wieder einmal jedes Zeitgefühl verloren. Als nach einer gefühlten Ewigkeit der Gesang langsam wieder leiser wurde und schließlich verklang, ging er in das Lied des Windes über, das uns schon seit Anbeginn der Zeiten begleitete. Auch der Wind sang in der wortlosen Sprache der Existenz. Und dies war einer der kostbaren Augenblicke, in dem wir seine ebenso wortlose Botschaft mit dem Herzen verstanden. 

 

Als die ersten Strahlen der Morgensonne am nächsten Morgen durch den Eingang der Höhle sickerten, waren wir wieder mit uns allein. „Heute bin ich glücklich mit meinem Alleinsein“, flüsterte Enya mir zu. Ich drückte wortlos ihre Hand, noch immer fern von Worten, doch ganz in meinem Herzen verwurzelt.   

Bei den Amazonen am Schwarzen Meer

Aus Windblumen - Mutter Erde im Sternenstaub (6 Minuten)

 

Links und rechts des durch liebliche Auen fließenden Thermodon-Flusses konnten wir flache Häuser erkennen, um die herum Felder angelegt waren. Da die Weise Edanur den Simultanübersetzer der Fünften Dimension aktiviert hatte, konnten wir die Menschen sogar verstehen, die in einem alten Dialekt der nordost-iranischen indogermanischen Sprache miteinander redeten. 

 

Die Frauen waren von auffallend hohem Wuchs, von schlankem, aber kräftigem Körperbau und fast so groß wie die Männer. Als wir uns einer Gruppe von Männern und Frauen näherten, die auf einem Getreidefeld arbeiteten, ließen sie ihre Gerätschaften sinken und musterten uns mit neugierigen, aber nicht aufdringlichen Blicken. Besonders Enya und Cianed mit ihrer hellen Haut, ihren hellen Augen und ihren goldenen und rotgoldenen Haaren erregten ihre Aufmerksamkeit.

 

„Woher kommt ihr, ihr Fremden?“, sprachen sie uns ohne Scheu an. Es war zu spüren, dass diese Frauen stark, selbständig und unabhängig waren und nichts und niemanden fürchteten, selbst gelbhaarige Fremde nicht, die scheinbar vom Himmel gefallen waren. „Seht euch ihre Haare an“, sprachen sie zueinander, „sie müssen von der Sonne kommen!“

 

„Wir kommen aus einem Land im Norden, weit weg von hier“, nahm Enya allen Mut zusammen. „Dort scheint die Sonne viel weniger als hier bei euch, so dass uns der Große Geist helle Haare gegeben hat, damit wir die Sonne nicht vergessen und auch nicht, welche Farbe sie hat.“ Das schien ihnen einzuleuchten.

 

Ganz vorsichtig berührten sie unser Haar, unsere Haut, unsere Kleidung. Alles war fremd für sie, doch sie zeigten keine Scheu. Im Gegenteil, die Frauen schauten sich unsere Männer immer genauer an, befühlten ihre Körper, besonders ihre Muskeln. 

 

Vor allem Picabo mit seinem vom Schwimmen trainierten Körper hatte es ihnen angetan. Eine der Amazonen strich mit ihren Fingerspitzen ganz langsam über sein Gesicht, seinen Hals, seine Brust und ließ ihre Hände schließlich hinunter zu seinen Lenden wandern. Picabo verzog keine Miene, zeigte nur ein leises Lächeln. 

 

Die schöne Amazone tauchte mit einem langen Blick tief in Picabos Seele ein. „Heute abend hier am Fluß“, flüsterte sie ihm noch zu bevor sie sich wieder zu den anderen Frauen gesellte. Dann lachten alle ein fröhliches Lachen, wahrscheinlich weil dieses ritualisierte Vorspiel so voller Unbefangenheit in aller Öffentlichkeit etwas für sie ganz Natürliches war. Dann wandten sie sich zusammen mit den Männern wieder der Feldarbeit zu.

 

Picabo atmete hörbar aus und warf Toja einen entschuldigenden Blick zu. Diese war jedoch stolz, dass ihr Schatz solchen Anklang gefunden hatte. 

 

War es tatsächlich so, daß dieser natürliche Umgang mit der Körperlichkeit eine Atmosphäre schuf, in der sich Neid und Eifersucht in der Form, wie wir sie kennen, gar nicht erst entwickeln konnten?    

 

Das sollte sich am Abend zeigen, als das Fest der Jugendweihe im großen Gemeinschaftshaus gefeiert wurde. Hazime (= die Kluge), welche die Dorfälteste und auch klügste Frau der Gemeinschaft war, folgte schnell ihrem Gespür und bewies, dass sie ihren Namen zu Recht trug und. Ihr Instinkt sagte ihr, dass an Fremden, die einen so weiten und gefahrvollen Weg durch so viele Länder unbeschadet überstanden hatten, etwas Besonderes sein musste. Natürlich hatte ihr der Dorfklatsch zugetragen, dass es eine erotische Annäherung zwischen einem der Fremden und der schönen Feray (= glänzend wie der Mond) gegeben hatte.

 

Da jede Amazonengemeinschaft immer auf der Suche nach geeigneten Männern war, die ihr gesunde und starke Kinder schenken konnten, reifte in Hazime ein Plan. Sie nahm Feray beiseite und machte ihr einen Vorschlag. Wenn sie mit dem Fremden, den sie Picabo nannten, eine Liebesnacht verbringen und diese Folgen zeigen würde, könne sie damit rechnen, in der Hierarchie ihres Dorfes einen Sprung nach oben zu  machen. Feray, die außer ihrer Schönheit nicht viel besaß, witterte ihre Chance und sagte sofort zu. Aber auch ohne dieses Angebot würde sie die Nähe des Fremden gesucht haben, denn ihr war nicht verborgen geblieben, dass sie eine Spur in seinem Herzen hinterlassen hatte.

 

Unsere Gruppe hatte den Tag damit verbracht, sich unter Führung der Weisen Edanur in den umliegenden Dörfern einen Eindruck von der Lebensweise der Amazonen zu verschaffen. Es war nicht das Paradies auf Erden, doch es unterschied sich von den strengen autoritären Strukturen, die in patriarchalischen Gesellschaften vorherrschten. Auch hier gab es manchmal persönliche Reibereien, Unstimmigkeiten über die Verteilung der gemeinsam erwirtschafteten Ernte kamen immer wieder vor.

 

Zu Eifersuchtsszenen kam es, wenn sich zwei Frauen einen Mann nicht teilen wollten. Doch die weiblichen Fähigkeiten, mit Schwierigkeiten flexibel umzugehen und Kompromisse auszuhandeln, schafften ein weitgehend friedliches Klima. Die Gewissheit, dass alle aufeinander angewiesen waren und miteinander auskommen mussten, tat ein Übriges.

 

Nachmittags hatten wir uns unter Schatten spendenden Bäumen am Fluss erholt, nur unterbrochen von den Tätigkeiten Schwimmen und Sonnenbaden. Picabo war den ganzen Tag recht schweigsam gewesen und wir ahnten den Grund. Die Funken, die am Morgen zwischen ihm und der schönen Feray gesprüht hatten, waren nicht zu übersehen gewesen. Wir alle schauten auf Toja und wünschten ihr, dass sich diese Situation in einer Weise entwickeln würde, die allen Beteiligten die Möglichkeit zu Wachstum und Reife bot.

 

Picabo hatte sich gerade nach einem weiteren Schwimmausflug schwer atmend ins Gras fallen lassen, als Toja sich zu ihm setzte. „Ich glaube, wir müssen eine Entscheidung treffen, Picabo“, begann sie das Gespräch. „Ich weiß“, antwortete Picabo knapp. 

 

„Als wir uns endlich dazu entschlossen hatten, ein Paar zu werden, hast du mir in aller Deutlichkeit erklärt, dass in deiner Weltsicht das höchste Gut eines Menschen seine Freiheit ist.“ Picabo nickte. „Und du hast mir geschworen, dass du mich in allem unterstützen wirst, was mir hilft, meine innere Freiheit zu leben.“ Picabo nickte abermals.

 

„Diese Großzügigkeit hat einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen“, fuhr Toja mit weicher Stimme fort. „Deshalb möchte ich dich jetzt auch bei allem unterstützen, das dir hilft, deine innere Freiheit zu leben.“ Picabo stütze sich auf seine Arme und sah Toja schweigend, aber voller Hingabe an. „Das, was heute morgen zwischen dir und dieser jungen Amazone abgelaufen ist, hat mein Herz mit Schmerz erfüllt. Doch ich verstehe die Kräfte der Natur immer besser und mein Vertrauen in die Existenz vertieft sich Tag für Tag.“

 

„Du willst mich also gehen lassen?“ fragte Picabo mit bewegter Stimme. „Ja, das will ich, Picabo. Wir wissen jetzt noch nicht, welche Bedeutung diese Begegnung für uns drei Beteiligte haben wird, doch irgendwann werden wir es verstehen. Ich kenne diese junge Frau nicht, doch in meinem Herzen breitet sich Wärme aus, wenn ich an sie denke. Vielleicht werde ich heute abend weinen, wenn du zu ihr gehst, vielleicht werde ich dich mit einem Lächeln ziehen lassen können. Aber ich werde dich gehen lassen, damit wir beide erfahren können, welchen Sinn sich hinter all dem verbirgt.“

 

Wir anderen hatten nicht hören können, was Picabo und Toja besprochen hatten, doch wir ahnten, worum es ging. Uns allen wärmte es das Herz, als wir sahen, wie die beiden sich in einer Umarmung verloren, die nicht zu enden schien.

 

Als die Dämmerung sich langsam über das Land senkte, wurde der große Holzstapel vor dem Eingang der Gemeinschaftshütte entzündet. Über Wochen war mit großem Einsatz Holz aus den Bergen herbeigeschafft worden. Holz war ein wertvoller Rohstoff und wuchs im Küstenstreifen nur an wenigen Stellen. Deshalb wurde solch ein großes Feuer nur selten entzündet.

 

Als die verschiedenen Hausgemeinschaften des Dorfes sich versammelt hatten, erhob Hazime ihre Stimme. „Wir haben uns hier eingefunden, um eine neue Generation von jungen Mädchen in die Gemeinschaft der Frauen aufzunehmen. Sie haben von Kindesbeinen an gelernt, wie eine Amazone zu leben hat. Sie wissen die Felder zu bearbeiten, sie wissen, wie sie die täglichen Mahlzeiten zubereiten können und wie unsere Kleidung hergestellt wird. Doch sie können auch Reiten, Fischen und Jagen. Und sie wissen auch unsere Waffen herzustellen und sie, wenn es sein muss, zu gebrauchen.“ Beifälliges Gemurmel war zu hören.

 

„Und wenn die Zeit dafür reif ist, werden sie sich Männer suchen, die gesund und stark und willig sind, ihnen zu folgen!“ rief Hazime jetzt mit kraftvoller Stimme. „Von jetzt an seid ihr Frauen, auch wenn ihr noch in einem jugendlichen Körper wohnt!“ Die ersten Jubelrufe wurden laut.

 

„Und wir freuen uns darauf, dass sie unserer Gemeinschaft viele Kinder schenken werden, welche genauso gesund und stark sind wie ihre Mütter und Väter“, rief Hazime jetzt mit noch lauterer Stimme. „Diese Kinder werden wiederum Kinder haben, so dass der Fortbestand unseres Stammes gesichert ist. Denn aus der Ewigkeit sind wir gekommen und in die Ewigkeit werden wir wieder eingehen!“

 

Der Jubel, der im Anschluss an diese Worte ausbrach, stieg mit den Flammen zum Himmel empor. Dann setzten die ersten Trommeln und Rasseln ein. Gemeinsam mit Edanur wurden jetzt die heiligen Gesänge der Fruchtbarkeit angestimmt. Wir befanden uns mitten in diesem ekstatischen Hexenkessel und wurden von den hoch gehende Wogen dieser Energie mitgerissen. 

 

Als wir bei diesen Tänzen um das Feuer am Eingang der Gemeinschaftshütte vorbeigetrieben wurden, sah ich Feray dort an einen der Türbalken gelehnt stehen. Doch schon bei der nächsten Runde war sie verschwunden. Im flackernden Feuerschein versuchte ich, Picabo irgendwo zu entdecken, doch ich konnte ihn nirgends finden.