Gedichte


Im Gegensatz zu Prosa, die aus einem scheinbar endlosen Strom von Worten zu bestehen scheint, drücken Gedichte sich durch Reim, Rhythmik und Verse aus. Durch diese kompakte Ausdrucksform der Dichtung entsteht eine wortwörtliche Verdichtung, also das, was wir ein Gedicht nennen. 

 

 

Gedichte wirken durch ihre bildhafte Sprache, die sowohl präzise beschreiben, als auch vage andeuten kann. „Das Essen im Restaurant gestern Abend war ein Gedicht!“ ist ein gutes Beispiel, wie Sprachbilder wirken. Das kann bis zu einer Minimierung führen, wie sie in der Kunstform des japanischen Haikus  praktiziert wird. Eines der berühmtesten Haikus ist von Basho überliefert, der im siebzehnten Jahrhundert lebte: 
 

Alter Teich. Frosch springt rein. Plopp.      

Diese bildhafte Sprache kommt meinem Schreibstil natürlich sehr entgegen. Auf dieser Seite findest du eine Auswahl meiner Gedichte, sowohl kurze als auch längere. Für mich muss ein „gutes“ Gedicht auch Tiefgang, also eine inhaltliche Bedeutung haben. Ob kurz oder lang: wenn es dem hörenden Menschen eine vorher verborgene Welt erschließt, ihn emotional und seelisch berührt und vielleicht auch nachdenklich stimmt, hat es für mich seinen Sinn erfüllt.


Reihenfolge Gedichte

Nebel  -  Provenienz  -  Windblumen  -  Frag mich  -  Wellenbrecher  -  Hänschen klein  -  Vogelfrei  -  Schneckenpost  -  Waldschrat  -  Handtuch  -  Silberrücken  -  Steigbügel  -  Mondperle  -  Sternenkind  -  Winternacht  -  Schweigendes Leuchten

Nebel


Wenn Nebel sich lichten

und himmelwärts flüchten,
wird von selber dir klar,
was schon immer war wahr.

Provenienz

 
Geboren dort
wo dich Sanftheit streift,
geboren dort
wo Demut reift.
 
Geboren dort
wo du alles vergisst,
geboren dort
wo du nichts vermisst.
 
Geboren dort
wo die Zeit verrinnt,
geboren dort
wo alles endet und alles beginnt.

Windblumen

 

Wo Worte schweigen
im ewigen Reigen
von Werden und Vergehen
von Zweifel und Verstehen

 

Wo der Zahn der Zeit
nicht nagt, doch befreit
von dem was einst war
und die Zukunft gebar

 

nach der wir uns sehnen.
Weine Freudentränen,
sprich ein Dankgebet
wenn sie schließlich entsteht.    
 
Wenn Windblumen sich wiegen
und in menschlichen Zügen
und von allem was lebt
der Geist sich erhebt

 

der immer bestand
selbst das Haus auf Sand
ist auf Fels gebaut
wenn du vertraust
 
wie Blumen im Wind
wie ein lächelndes Kind
so wie ein Vogel im Flug
sich selbst ist genug


Frag mich    


Frag mich, aber nicht zu oft.
 
Frag mich, aber nicht zu laut.
 
Frag mich, aber nicht zu leise.
 
Frag mich, aber nicht voller Angst.

 

Frag mich was immer du willst,
denn die Antwort ist immer die gleiche:
Ich weiß es nicht.

Wellenbrecher

 
Schulter an Schulter, stumm am Strand,     
die Wogen im Blick, es gibt kein Zurück.
 
In den Boden gekrallt, die Häupter gebeugt,
genau wie den Rücken, sie müssen sich bücken.

 

Donnerndes Tosen, schäumende Gischt,
sie ringen nach Luft in nasser Gruft.
 
Doch schon morgen, wenn der Sturm vorüber,
fragt niemand mehr nach der steinernen Wehr.

  Hänschen klein 

 
Hänschen klein 
ging er denn 
wirklich gar so ganz allein? 
 
Mit Stock und Hut? 
Stand ihm das gut? 
Kann schon möglich sein. 

 

Aber Mutter weinte sehr 
heut’ ist doch so viel Verkehr. 
 
Vielleicht besinnt 
sich das Kind 
und läuft nach Haus geschwind.    


Vogelfrei


Frei zu sein bedarf es wenig,
   und wer frei ist, ist ein König.   

Freie Interpretation des Liedtextes von "Froh zu sein bedarf es wenig".

Seit dem 18. Jahrhundert nachweisbar, reicht dieses Lied, das uns in seiner Fassung
von August Mühling bekannt ist, in früheren Fassungen noch viel weiter zurück.
Schließlich thematisiert es sowohl in den Variationen
Froh als auch Frei
uralte Sehnsüchte von uns Menschen.

Schneckenpost

 

Ich schlepp’ mich wieder mal dahin,
wie fast jeden Tag.
Ziehe eine Spur aus Schleim,
auch wenn das niemand mag.
 
Unterwegs bei Wind und Wetter,
immer geradeaus,
schleich ich langsam aber stetig
mit meinem Schneckenhaus.
 
Bin ja fast schon ein Fossil
mit Briefen aus Papier.
Doch wenn es geht um viel Gefühl
Dann rufst du doch nach mir.

 

Schreibst dann lieber mit der Hand
deine Liebesschwüre,
und weißt der Brief kommt wirklich an
vor der Liebsten Türe.
 
Sie beugt sich nieder, hocherfreut,
und reisst den Umschlag auf.
Liest noch im Stehen deine Worte
      lässt Freudentränen ihren Lauf.     
 
Dann bin ich glücklich, weine mit –
das sind Gefühle pur!
Zufrieden kriech’ ich dann zurück     
auf meiner Glibberspur.



Waldschrat

 

Ja, ja – ihr glaubt, ihr wisst wer ich bin,
ihr habt doch keinen Schimmer.
Ist mir aber echt egal, denn ihr begreift es nimmer.
 
Besser könnt’ es mir nicht geh’n,
hier im dunk’len Tann,
leb‘ ich im Verborgenen, ich kleiner Wurzelmann.

 

Im Wald, da ist die Luft noch rein,
vor allem früh am Morgen,
gegrüßt von Vogels Lustgesang ist’s noch unverdorben.
 
Dann geh’ ich quietschend durch den Tau
mit meinen Wurzelschuhen.
Hier stört mich kein Drahtverhau und keiner Kühe Muhen.

 

Im Forst ist alles noch im Lot,
alle tun sich grüßen,
wo Fliegenpilze weiß und rot und alle Blumen sprießen. 
 
Neulich kam ein Wandersmann,
der fand den Weg nicht mehr.
Ich dachte, der hat keinen Plan, lief einfach kreuz und quer.

 

Dann sah er mich, den alten Schrat,
mit meiner Rindenmütze,
und fragte höflich mich um Rat, ob ich ihn wohl beschütze.
 
„Na klar doch, Alter, mach’ ich gern,       
ist doch keine Frage.
Verlaufen tut sich jeder mal, ich werd’s nicht weitersagen.“

 

Führte ihn durch dünn und dick,
über Bach und Steg.
Er war hin und weg vor Glück, zurück auf seinen Weg.
 
„Sag mir, du kleiner Wurzelmann,
wie find’st du dich zurecht,
in diesem Dickicht unbekannt voll Wurzelwaldgeflecht?“

 

„Ein Freund ist mir doch jeder Baum,
bei Tag und auch bei Nacht.
Ich wandle wie in einem Traum und etwas führt mich sacht
 
voll Zuversicht und Urvertrau’n
in unbekannte Weiten.
Geb’ ich meinen Ängsten Raum, kann Welten ich durchschreiten!

 

So bin ich überall daheim.
Obwohl mich niemand wirklich kennt,
fällt ihnen doch mein Name ein, mich Waldschrat jeder nennt.“
 
„Ich hab’ auch schon von dir gehört“,
mußte der Wand’rer lachen,
„doch jetzt bin ich ganz schön verstört, kann keinen Reim mir machen.

 

Daß du ein Wurzelsepp wohl bist    
hatt’ ich mir schon gedacht.
Gib mir noch eine Gnadenfrist bevor sich senkt die Nacht.“
 
Ich gab ihm meine Blätterhand,
er ergriff sie fest.
So gingen wir durch freies Land,
an Licht nur noch ein Rest.

Handtuch


Wie oft schon hast du mich geworfen, 
schweißdurchtränkt und sorgenschwer.
Schon bevor der Gong erklang 
hörtest du nichts mehr.
 
Dein Fall nach einem schweren Schlag,
ein Aufprall, den du kaum noch spürtest,
die Nacht ersetzte dir den Tag,
du nahmst die nächste Hürde.

 

Nach vorne blicken, weitersehen,
wurde dir geraten.
Was soll’s, es würd’ schon weiter geh’n,
noch nicht aller Tage Abend.
 
Nun lieg ich hier in einem Eck,
ich feucht zerknüllter Haufen.
Du sagtest „Ich bin dann mal weg“,
bist einfach fortgelaufen.
 
Ich gönn’s dir, nimm dir deine Zeit,
Wegzehrung in den Taschen.
Doch wenn du dann mal bist zurück     
würd’ ich ganz gern gewaschen.     


Silberrücken


Der Dschungel, dampfend voller Lebensfülle,
dein Reich vor Gottes Gnaden,
hieltest du die Macht in Händen,
jenseits aller Fragen.
 
Zur Audienz kam man zu dir,
devot gebückt, mit leiser Stimme.
Du sprachst Recht nach dem Gesetz,
man glaubte dir fast immer.

 

Bis eines Tages ein Unbekannter,
ein Jüngling die Lichtung betrat.
Zuversicht und Mut im Blick,
du ahntest, was dort nahte.
 
Er stieg geschwind deinen Felsen hinauf,
setzte einfach sich neben dich,
und sprach mit Selbstverständlichkeit:
ich bin jetzt das Gericht.

 

Du schautest voll Vertrauen dich um,
suchtest nach deinen Gefährten.
Doch niemand schien dir beizustehen,
und auf einmal fühltest du dich  
als einsamstes Wesen auf Erden.
 
Der Dschungel dampft wie eh und je,
dein Reich blieb auch bestehen,
doch leider ist es nicht mehr deins,
du konntest nur noch gehen.
 

Oben auf dem Affenfelsen sitzt jetzt ein neuer Potentat.
Und als wäre nichts geschehen
sucht die Menge seinen Rat.

Steigbügel


 Wenn du so wie ich ein Teil des Sattelzeugs bist,
erlebst du manchen derben Tritt.
Und du fühlst einen bitteren Schmerz
den niemals du vergisst.
 
Du schwingts dich durch mich
mit Schwung hinauf, auf des Pferdes Rücken.
Sitzt triumphierend dann auf hohem Ross
und genießt die bewundernden Blicke.

 

Doch diese Größe ist nicht deine,
sie wird dir nur geliehen.
Denn deinem Gefühl der Wertlosigkeit
kannst du nicht entfliehen.
 
So scheut das Ross vor den Schatten in dir
und du landest im Hier und Jetzt,
auf dem Boden, die man Tatsachen nennt,
zum Glück hast du dich nicht verletzt.

 

Der Hengst sucht derweil wiehernd das Weite.
Ebenso wiehern die Leute, die eben noch deinen Speichel geleckt,
den Kopf in deinen Anus gesteckt,
voller Schadenfreude.
 

Ein Leben als Steigbügel ist oftmals schon hart. 
Doch als Trense würd’s mir gefallen.
       Denn dann biss nur das Ross auf mir rum,         
 nie mehr Steigbügel sein von allen.    

Mondperle

 
Nun liegt sie da in meiner Hand, eben vom Himmel gefallen,
wie ein göttliches Unterpfand,
dass Licht und Liebe für alle strahlen,
als Geschenk von allen an alle.

 

Sie fühlt sich kühl an und ist doch ganz warm,
schimmert in mildem Glanz,
von innen nach aussen, vom Hellen ins Dunkle,
ein kleiner Sternentanz.
 
Ich will sie behalten, doch weiss ich genau,
sie wird leben nur diese Nacht. 
Spätestens im ersten Licht, im Morgentau,
hat sie ihr Leben vollbracht.


Doch in der Wärme meiner Hand
wird sie nicht vergehen.   
In meinem Herzen,
meiner Seele Tiefe;
  kann sie weiter bestehen. 

  Sternenkind    

 
Sternenkind, du schwebtest wie ein Blatt 
zwischen Himmel und Erde,
      milder Glanz in deinen Augen,      
Sanftmut in deiner Gebärde.
 
Mutter Erde hat dich mit Freude empfangen,
in ihre Arme genommen.
Als ihre Wärme dich umfing 
und ihr Herzschlag zu dir drang
bist du angekommen,

 

bei dir selber, auf diesem Planeten im Ozean der Sterne,
wo alles vertraut und dir ganz nah ist,
selbst das unendlich Ferne.
 
Ewiges Wissen um Herkunft und Heimat  kommt zu dir von allein.
Denn dort, wo zuhause du bist, 
wo Wurzeln und Flügel dir wurden verliehen,   
ist Stille im ewigen Sein.

 

Doch die Antwort auf alle Fragen,
welche zur Wahrheit dich führen
ist mehr als ein Sehnsuchtstraum.  
Denn alleine in ihr kannst du leben, 
jenseits von Zeit und Raum. 

Winternacht

 
Leis’ versinkt der Sonne Strahl hinter Bergen schwarz und weit.
Sterne hell und viel an Zahl schmücken bald des Himmels Kleid.
 
Die Schatten steigen’s Tal hinauf, mit Frost und Nebel sich verbündend
folgen sie der Zeiten Lauf, Stille nur verkündend.

 
                    Geschützt unter des Eises Schild,
                    heimlich fast und leise,
                    raunt der Bach, der sonst so wild,
                    der Wassergeister Weise.
 
Des Tages letzten Lichts beraubt, das seine Kämme morgens suchte,
birgt der müde Berg sein Haupt in weissen Wolkenschluchten.

 
Schnee beugt der Tannen starke Zweige,  hoch im Himmel er entstand.
Sanft hellt er auf des Tages Neige und liegt milde auf dem Land.
 
                    Wie nah scheint hier die Ewigkeit,
                    Schneeflocken fallen sacht.
                    Einzig eines Vogels Schrei
                    zittert leise durch die Nacht.   

Schweigendes Leuchten


Vom hohen Himmel ein leuchtendes Schweigen
erfüllt die Herzen mit Seligkeit.
Unterm sternbeglänzten Zelt wandern wir, wandern wir,
durch die weite, weiße Welt.

Aus dem Lied "Es ist für uns eine Zeit angekommen", welches im 19. Jahrhundert im Wiggertal im Kanton Luzern entstanden ist und von den Sternsingern gesungen wurde.