Auszüge aus den Büchern von Achim
Bevor der Deckel zuklappt
Lebende Geschichten vom Erleben dieser Welt im Innen und Außen
Sterntaler (8 Minuten)
Tofu-Wurscht (6 Minuten)
Ist doch wahr - oder nicht? (6 Minuten)
Beziehungs-Waise (7 Minuten)
Echte und Pseudo-Cowboys (5 Minuten)
Älter werden - heiter bleiben (8 Minuten)
Sterntaler
Vom Geben und Nehmen
Aus Bevor der Deckel zuklappt - Lebende Geschichten (8 Minuten)
Als ich neulich an einem der letzten schönen Herbsttage auf einer Parkbank dankbar die wärmenden Strahlen einer sommermüden Nachmittagssonne genoss, bemerkte ich, dass eine Gestalt in mein Blickfeld trat, die mir irgendwie bekannt vorkam. Richtig, es war der Mensch, den ich einmal den "Armen" genannt hatte – doch irgendetwas an seiner Erscheinung irritierte mich. Er war zwar wie gewohnt in seine malerischen Lumpen gekleidet, doch wo waren sein schleppender Gang, seine von der Last des Lebens gebeugte Haltung, sein müder Blick geblieben?
Erst beim zweiten Hinsehen fiel mir auf, dass er zwar erschöpft, aber glücklich wirkte. Während er so federnden Schrittes auf knirschendem Kies an mir vorbei wandelte, sprach ich ihn spontan an. „Hallo Alter – kennen wir uns nicht?“
Er hielt inne, doch es war zu spüren, dass er innerlich ganz weit weg in einer anderen Welt gewesen war und er einen Wimpernschlag Zeit brauchte, um in diesem Augenblick anzukommen. Aber dann glomm ein erkennendes Leuchten in seinen Augen auf und er nickte mir freundlich zu. „Ich glaube schon“, gab er mit einem Lächeln zurück.
„Glaubst du es, oder weißt du es?“ fragte ich, obwohl ich die Antwort bereits wusste.
„Ehrlich gesagt: ich weiß immer weniger, was ich weiß, aber das, was ich zu wissen glaube, ist mir meist schon mehr als genug“, kam seine Antwort, wobei sein Lächeln sich nicht nur über sein ganzes Gesicht, sondern auch über sein gesamtes Wesen auszubreiten begann. „Und wie sieht es bei dir aus? Kennst du mich?“
Jetzt war es an mir, zu lächeln. „Ich glaube schon“, gab ich ohne eine Spur von Ironie zurück, „vielleicht mehr, als mir manchmal lieb ist!“
„Tatsächlich?“ Der Schalk, der daraufhin in seinen Augen aufblitzte, war nicht zu übersehen. Es war offensichtlich, dass unsere kleine Konversation auch ihm Spaß zu machen schien, so dass er meiner einladenden Handbewegung, neben mir auf der Bank Platz zu nehmen, bereitwillig folgte.
„Und wie war dein Tag so?“ nahm ich den Faden wieder auf.
Er neigte den Kopf ein wenig und schenkte mir einen Seitenblick unter halb gesenkten Lidern. „Ziemlich anstrengend. Du kannst dir vielleicht vorstellen, dass es dir schon auf die Stimmung schlägt, wenn du dich den ganzen Tag hundeelend fühlen musst.“
„Musst du das wirklich?“ Ich wusste, dass er mir diese kleine Provokation nicht übel nehmen würde.
„Muss ich“, gab er knapp zurück, „denn sonst klingelt es nicht in der Kasse. Leider muss ich voll auf die Tränendrüsen drücken, wenn der Rubel richtig rollen soll.“
Ich warf einen Blick auf die anscheinend prall gefüllte große Umhängetasche, die er neben sich auf die Bank gestellt hatte. „Und heute ist er richtig gerollt?“
Er nickte nachdenklich. „Kann man wohl sagen. Tendenziell geben die Leute bei schönem Wetter mehr. Ist wohl stimmungsabhängig“.
„Und was machst du jetzt mit all deinen Schätzen?“ wollte ich wissen.
Er zuckte mit den Schultern. „Das Übliche. Ich werde sie großzügig an die Bedürftigen verteilen, die mir heute mit Sicherheit noch über den Weg laufen werden.“
„Und die nennen diesen Umstand dann Glück?“
„Sicher“, bestätigte er meine Annahme. „Dabei bin ich es, der sich glücklich schätzen darf. Nach einem langen Arbeitstag in dieser gekrümmten Körperhaltung auch noch eine schwere Tasche mit sich herumschleppen zu müssen, ist meistens mühsam. Da bin ich froh, wenn ich den Inhalt rasch wieder los werde.“
„Mal ganz ehrlich“, konnte ich mir nicht verkneifen zu fragen, „juckt es dir nicht manchmal in den Fingern, wenigstens einen kleinen Teil für dich selber abzuzweigen?“
„Warum sollte ich“, entgegnete er, wobei ein verwunderter Ausdruck in seine Augen trat. „Ich hab’ ja mehr als genug.“
„Geben ist seliger denn nehmen?“ legte ich nach.
„Ja“, meinte er noch immer nachdenklich. „Vor allem, wenn dir irgendwann bewusst geworden ist, dass das, was du gibst, eigentlich gar nicht dir gehört, sondern nur an dich ausgeliehen ist – wenn du verstehst, was ich meine.“
„Verstehe“, antwortete ich, und tat so, als ob ich ihn verstanden hätte, wobei ich mir nicht wirklich sicher war, ob ich ihn in seinem Sinne verstanden hatte.
„Wenn du glaubst, dass du etwas besitzt“, ging er von selber auf meine unausgesprochene Frage ein, „dann kannst du es auch wieder verlieren. Diesen Umstand erlebst du dann als einen Verlust. Doch wenn du in dem Bewusstsein handelst, dass alles, was dir das Leben in die Hände legt, ein temporäres Geschenk der Existenz für dich ist, und zwar ein ganz persönliches Geschenk, an dem du dich mit gutem Gewissen freuen kannst, verändert sich deine Einstellung nach und nach. Dann kannst du dieses Geschenk, solange es in deinem Leben existiert, uneingeschränkt und mit gutem Gewissen genießen, und es dann auch leichter loslassen, wenn es dich wieder verlassen will. Denn dieses Glücksgefühl will weiterziehen – schließlich warten noch viele Menschen darauf, von ihm besucht zu werden.“
Ich begann zu verstehen, was er meinte. „Und wie sieht es bei dir selber aus? Kannst du das Glück kommen und gehen lassen? Und vor allem: warum hast du dich genau dieser Aufgabe gewidmet?“
„Gute Frage.“ Er schien für einen Moment nachzudenken. „Ich habe immer davon geträumt, etwas machen zu können, was mehr als nur ein Job ist. Ohne mein Zutun ist dann diese Aufgabe in mein Leben getreten. Niemand hatte richtig Lust darauf, immer "den Armen" zu spielen, oder besser gesagt: "der Arme" zu sein. Außer vielleicht einigen Wenigen, die mit genau dieser Facette des Lebens experimentieren wollten. Da wurde mir schnell klar, dass ich hier eine absolut krisensichere Beschäftigung gefunden hatte.“
„Man muss ja auch für’s Alter vorsorgen, nicht wahr?“ Jetzt gestattete ich mir doch eine kleine, aber gut gemeinte ironische Anspielung.
„Wenn man so will, ja.“ Er lachte ein wenig und lehnte sich dann zu mir hinüber. „Schließlich werden wir ja alle nicht jünger, oder? Aber um deine Frage zu beantworten: nachdem ich die Möglichkeit, mich auf diese Aufgabe einzulassen, näher an mich herangelassen hatte, erkannte ich das Potenzial, das sich in dieser Aufgabe verbarg.“
„Und das wäre?“ fragte ich, nun wirklich neugierig geworden.
„Genau das, was du angesprochen hast: das Glück kommen und gehen zu lassen. Denn es geht jeden Tag durch meine Hände. Ich nehme es mir, wenn es zu mir kommt, und ich gebe es weiter, wenn es mich verlassen will. Das ist in etwa so, als ob du ein offenes Haus führst, in dem ständig neue Gäste ankommen, aber genauso wieder gehen. Würdest du versuchen, jeden Gast, und vor allem diejenigen, zu denen du eine freundschaftliche Beziehung aufgebaut hast, zum Bleiben zu bewegen, wäre dein Haus bald voll und du könntest keine neuen Gäste mehr aufnehmen.“
„Aber ist es nicht verständlich“, wandte ich ein, „diesen Gast, den man Glück nennt, bei sich behalten zu wollen?“
„Absolut“, pflichtete er mir bei, „aber es gibt noch weitere Ebenen der Erkenntnis, die dir offenstehen. Je mehr du erkennst, dass das Glücklichsein nicht mit dem einzelnen Gast verbunden ist, sondern damit, dass der eine seinen Rolle als Gast und der andere seine Rolle als Gastgeber genießen kann. In dieser Erkenntnis beginnt sich diese mehr statischen Vorstellung des Glücks langsam aufzulösen und du findest dich in einem Zustand des Glücklichseins wieder, der von Dauer ist.“
„Beneidenswert“, musste ich anerkennend zugeben. „Und du bewegst dich Tag für Tag in diesem Dauerzustand von Glücklichsein?“
„Schön wär’s“, meinte er seufzend, während er seine Hand auf meine Schulter legte und mich mit einem tiefen Blick bedachte, „aber ich arbeite Tag für Tag daran. Was meinst du wohl, warum ich "der Arme" bin? Aber jetzt muss ich gehen.“
Er liess seine Hand noch für einen kurzen Augenblick auf meiner Schulter ruhen und erhob sich dann wortlos. Ich schaute ihm hinterher, als er seinen Weg wieder aufnahm. Doch nach einigen Schritten drehte er sich noch einmal um und bedachte mich mit diesem Lächeln, das sich zwar auf seinem Gesicht spiegelte, aber von ganz weit her zu kommen schien. Auch als er sich wieder umgedreht hatte um seinen Weg fortzusetzen, blieb dieser Zauber noch für einen magischen Moment bestehen.
Vor Kurzem habe ich ihn noch einmal getroffen. In einer Einkaufspassage begegnete ich einem Mann, der aus einem anderen Erdteil stammte und offensichtlich nicht mit materiellem Wohlstand gesegnet war. Er bemühte sich, mithilfe eines ziemlich kümmerlichen Instrumentariums Musik zu machen, indem er in eine Mundharmonika blies und mit einem Fuss, an den er eine Rassel gebunden hatte, den Takt schlug. Vor ihm stand der obligatorische Hut.
Ich war in Gedanken versunken und wäre beinahe achtlos an ihm vorüber geeilt, als mich etwas zurückhielt. Ich schaute auf und blickte direkt in seine Augen. Es waren seine Augen und es war sein Lächeln. Ich erkannte ihn sofort, auch trotz seiner abermals perfekten Ver-kleidung: es war "der Arme" Für einen kurzen Augenblick hing wieder dieser Zauber in der Luft, der mir aus unserer Begegnung im Park in Erinnerung geblieben war. Auch dies war wieder ein magischer Moment, und ich griff tief in meine Hosentasche. Es war Zeit, wieder einmal einen Gast seines Weges ziehen zu lassen.
Ich nahm einen tiefen Atemzug und gab keine Münze, sondern einen Schein. Die Art, wie er mich daraufhin anlächelte, zeigte mir, dass wir einen Moment des Glücks miteinander teilten. Für mich war es das Glücksgefühl, etwas erkannt zu haben. Für ihn war es das Glücksgefühl, welches damit verbunden ist, wenn man eine Erkenntnis weitergeben kann.
Wir standen an verschiedenen Ufern, doch zwischen uns floss der Strom des Lebens.
Tofuwurscht
Im kulinarischen Nirvana
Aus Bevor der Deckel zuklappt - Lebende Geschichten (6 Minuten)
Als ich letztlich eine Nachricht in meiner Mailbox fand, die eine Einladung zum Essen, genauer gesagt zu einem „Festmahl bei Kerzenschein“ beinhaltete, machte mein Herz – und auch mein Magen – einen kleinen Freudensprung. Obwohl Candlelight-Dinner gemeinhin eher mit Verliebten in Verbindung gebracht werden, die sich noch oder wieder im Turteltauben-Stadium befinden, löste diese Nachricht ganz andere Erinnerungen in mir aus. Ich sah mich schon wieder mit meinem alten Freund Toni in irgendeiner urigen Fress-Kneipe über einen Teller voller deftiger Köstlichkeiten gebeugt und über die alten Zeiten schwadronieren.
Doch dann las ich weiter und konnte ein schmerzliches Zusammenzucken nicht vermeiden. Toni lud mich zu sich nach Hause ein, um gemeinsam – wie er es nannte – ins „kulinarische Nirvana“ abzuheben. Trotz aller Bruderliebe zu dem alten Chaoten lief es mir eiskalt den Rücken hinunter. Hatten sich Tonis Kochkünste bisher doch auf in Fett schwimmende Bratkartoffeln oder das Erhitzen von Tiefkühl-Pizza beschränkt.
Nachdem ich mich daran erinnert hatte, dass dies zweifelsohne eine gute Gelegenheit sei, in Meditation zu gehen und obendrein mein Vertrauen in die Existenz weiter auszubauen, konnte ich meine Panikreaktionen herunterfahren und sagte zu.
Als ich schliesslich vor Tonis Tür stand, liess ich meine letzten Zweifel los und drückte in Vertrauen auf mein gutes Karma relativ gelassen auf den Klingelknopf. „Komme gleich!“ hörte ich die Stimme seiner Seelen- und auch sonstigen Partnerin Viola, die mir – zusammen mit einer Wolke voller Wohlgerüche – freudig um den Hals fiel, nachdem sie die Tür geöffnet hatte.
„Hier riecht es ja gar nicht nach Pizza oder Bratkartoffeln!“ gab ich meinem Erstaunen mit gedämpfter Stimme Ausdruck. „Woher auch“, gab Viola ebenso leise wie rätselhaft zurück, wobei sie mich sanft in die Küche schob, „aber lass dich einfach überraschen!“
Toni drehte mir den Rücken zu, da er konzentriert in einem Topf rührte, machte aber ohne sich umzudrehen das Viktory-Zeichen in meine Richtung. Mein Blick fiel wie von selbst auf die Stelle im Küchenregal, wo sonst immer die Mikrowelle gestanden hatte. Dort stapelten sich jetzt Kochbücher und Ernährungsratgeber, die Titel wie „Fit ohne Fett“ oder „Vegetarisches Tantra“ trugen. „Nanu“, entschlüpfte es mir, „wo ist denn die Mikrowelle geblieben?“
„Ist auf dem Elektro-Schrott gelandet!“ strahlte Toni und band sich seine Heute kocht Vati -Schürze ab. Nicht ohne Neid bemerkte ich, dass sich ein Teil seines „Speckgürtels“ anscheinend schon im kulinarischen Nirvana aufgelöst hatte. „Und wenn wir schon im Dunkeln leuchten wollen“, hängte Toni noch an, „stehen uns alten Profi-Meditierern mittlerweile doch andere Möglichkeiten zu Verfügung, oder?“
Ich nickte irritiert, während Bilder von einem sanft und vor allem von innen heraus leuchtenden Toni vor meinem geistigen Auge auftauchten. „Und dann finden wir ganz von selber ins kulinarische Nirvana?“ zweifelte ich, womit ich eine Anspielung auf den Text seiner Einladung machte.
Toni lachte dröhnend wie eh und je. „Erst die Arbeit – dann das Vergnügen!“ rief er fröhlich und schaufelte mir eine mächtige Portion braunen Reis auf den Teller. Immerhin gebraten, aber nicht mehr in Fett schwimmend. Es folgten noch süßsaures Möhrengemüse mit gerösteten Pistazien, ein Berg Salat, dem man das Etikett „biologisch“ auf zehn Meter ansah, sowie eine Schale mit mariniertem Tofu.
Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. „Tofu?“ fragte ich in den vor heiliger Unschuld triefenden Gesichtsausdruck von Toni hinein, „dagegen hast du dich doch immer mit Händen und Füssen gewehrt! Ist das nicht mehr aktuell?“
„Nö“, flötete Toni und schlürfte mit Genuss seine Gemüsebrühe, „das ist Vergangenheit. Und“, fuhr er nach einer kleinen, aber bedeutungsvollen Pause fort, um anschliessend die Erweiterung seines vegetarischen Vokabulars zu demonstrieren, „die Vergangenheit ist ja schliesslich vorbei, oder? Auf jeden Fall ist mir das heute ziemlich tofuwurscht!“
„Wie auch immer“, blinzelte Viola mir über die Batterie von Kerzen aus biologischem Bienenwachs zu, welche die Tischmitte einnahmen, „auf jeden Fall ist mein Toni ohne Fett wesentlich fitter!“ Toni sagte nichts und kniff lediglich ein Auge zu. Aber ich hatte die Botschaft auch ohne Worte verstanden.
„Und du vermisst deinen gewohnten Ernährungsstil überhaupt nicht?“ fragte ich zaghaft.
„Nicht die Bohne“, gab Toni selbstzufrieden, aber auch nachdenklich zurück. „Ich sehe es mehr in dem Sinne, dass ich mir jetzt vermehrt etwas Gutes gönne, was mir außerdem auch noch gut tut.“
In dieser Nacht schlief ich unruhig. Im Traum erschien mir eine verzweifelte Made, welche zu allem Unglück auch noch mein Gesicht trug und sich bitterlich beklagte, dass nirgendwo mehr ein Stück Speck zu finden sei, in dem sie sich wohnlich einrichten könne, weil alle sich jetzt vegetarisch ernähren würden. Ich erwachte und dachte nur: „Jetzt reicht’s!“
Am nächsten Tag machte ich Nägel mit Köpfen, ging schnurstracks in den nächsten Bio-Laden und gönnte mir all das, was mir gut tun sollte, inklusive einer Keiner kocht so gut wie Vati -Schürze. Zuhause warf ich den Herd an und schwelgte nach getaner Tat in den neuen Genüssen, mit denen ich mich gerade selber beschenkt hatte. Nein, ich wollte mir nichts versagen – ich wollte mir etwas Gutes gönnen.
Dankbar griff ich zum Telefon. Doch obwohl ich es lange klingeln liess, nahm bei Toni niemand ab. In diesem Moment kam mir das Buch wieder in den Sinn. Nicht die „Fit ohne Fett“-Fibel, sondern das andere. Ich musste schmunzeln und legte auf.
Ist doch wahr – oder nicht?
Lassen wir zu, dass die Wahrheit uns findet
Aus Bevor der Deckel zuklappt - Lebende Geschichten (6 Minuten)
Wir alle kennen diese Augenblicke, die man Augenblicke der Wahrheit nennt. Aber wie reagieren wir, wenn der oder ein Augenblick der Wahrheit gekommen ist? Werden wir von begeisterter Zustimmung, von Erleichterung, von Euphorie mitgerissen? Mitnichten. Im Gegenteil: wir können – wenn wir denn in diesen Augenblicken dazu fähig sind – mit nicht geringem Erstaunen beobachten, dass wir uns von Panikattacken geschüttelt in den Fluss des Lebens stürzen, um zu retten was zu retten ist, da uns doch wieder einmal alle Felle wegzuschwimmen drohen. Und so fühlen wir uns auch: schliesslich hat uns unserer Meinung nach das Schicksal mal wieder das Fell über die Ohren gezogen.
Spätestens dann dröhnt uns das alte Sprichwort „Wer nicht hören will, muss fühlen“ in ebendiesen Ohren, welche uns das Schicksal gerade lang gezogen hat, und zwar gründlich. Aber wollen wir hören? Stellen wir jetzt endlich unsere Lauscher auf, blicken wir mit weit geöffneten Augen und klopfendem Herz der Wahrheit ins Antlitz?
Schön wär’s. Stattdessen greifen wir zwecks Vermeidung von Augenkontakt zur verspiegelten Sonnenbrille, zum Hut und zu einem bis über die Nasenspitze hochgezogenen Halstuch. Lässig, aber doch mit fester Entschlossenheit, schnallen wir uns den Patronengurt mit den beiden tief hängenden 45ern um. Now can come what want. Würden wir uns jetzt im Wilden Westen befinden, wären wir bestens präpariert, eine Bank zu überfallen.
Aber wir haben die Rechnung ohne die Existenz gemacht. Denn hinter dem Schalter der Universums-Bank sitzt unser unerschütterlich in der Wahrheit ruhender Vermögensverwalter, der uns höflich aber unerbittlich darauf hinweist, dass sich unser Wahrheits-Konto tief in den roten Zahlen befindet. Und nebenbei: für unseren nur mit Platzpatronen geladenen Colt hat er ein zwar verständnisvolles, aber dennoch nur müdes Lächeln übrig.
So ziehen wir unverrichteter Dinge wieder ab, schwingen uns schwungvoll (sich jetzt nur ja nichts anmerken lassen!) auf unser treues Pferd und reiten – ja, wohin eigentlich? In den Sonnenuntergang? Wohl kaum, denn wir sind noch lange nicht beim Happy End angelangt. Und das, obwohl die Dämmerung schon heraufzieht, da die Sonne bereits ohne uns hinter dem Horizont versunken ist. Also sind wir mit unserer Hobby-Cowboy-Nummer nicht allzu weit gekommen.
Warum kollidiert das Bild, was wir von uns selber, von anderen Menschen und Situationen und der Welt im Allgemeinen haben, so heftig mit dem, was wir als Wahrheit zu beschreiben versuchen? Wie ist es möglich, dass verschiedene Menschen in der Wahrnehmung der gleichen Situation manchmal völlig unterschiedliche Dinge für wahr halten? Wissen wir es „in Wahrheit“ nicht besser?
Eine beliebte Methode, die Wahrheit – und sei es nur ein wenig – in unserem Sinne zu manipulieren, besteht darin, die Situation und die darin eingebundenen Menschen zu dominieren. Also die Situation unter Kontrolle zu bekommen und Macht über alle Beteiligten auszuüben. Wobei gerne auch das zum Einsatz kommt, was ich als „Totschlag-Argumente“ bezeichne, bei denen einem aufgrund ihrer Absurdität oftmals die Luft wegbleibt. Wobei schnell und unauffällig die Realitätsebene gewechselt wird, um ja nicht greif- und damit angreifbar zu sein. Auch der Griff zur Moralkeule ist eine Option, die gerne in Anspruch genommen wird. Hauptsache, man/frau hat die Dinge im Griff, am liebsten im Würgegriff. Womit wir wieder bei den rauchenden Colts gelandet wären.
Lassen wir hingegen die Wahrheit zu, also das, was schlicht und einfach in diesem Moment existiert, sind wir direkt mit der Existenz verbunden und alles wird ganz einfach. Oder besser gesagt, es ist ganz einfach, es ist uns nur bis jetzt leider nicht aufgefallen.
Seufzend müssen wir uns eingestehen, dass wir diesen Erleichterungseffekt schon wesentlich eher hätten spüren können. Denn alles, was existiert, befindet sich (genau wie wir auch) zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Platz. Die Anerkennung dieser simplen Tatsache verschafft uns nicht nur Luft zum atmen, sondern eröffnet uns neue Freiräume, in denen sich die Wahrheit in ihrer ganzen Schönheit entfalten kann.
Natürlich werden wir vom Leben heftig durchgeschüttelt, wenn in einem Augenblick der Wahrheit alle unsere Selbstbilder, unsere Wünsche, wie es bitteschön sein sollte, unsere Gewissheiten, dass es doch so ist, wie es scheinbar ist, sich in Luft auflösen. Nicht die Wahrheit macht uns Angst, sondern das plötzliche Zerbröckeln von Identitäten und Projektionen, die uns Sicherheit und Stabilität vorgegaukelt haben. Doch anstatt froh zu sein, dass diese Trugbilder (endlich) der Wahrheit Platz machen, versuchen wir das, was uns sowieso schon entglitten ist, mit vor Angstschweiss nassen Händen weiter festzuhalten.
Freiheit ist nicht deshalb das höchste Gut des Menschen, weil sie so fern und unerreichbar scheint, sondern weil wir uns vor ihr fürchten. Ein freier, also selbstverantwortlicher und damit autonomer Mensch, lebt – so meint man allgemein – in einem permanenten Alarmzustand. Dem scheint aber nur so zu sein. „In Wahrheit“ befindet sich nämlich der Mensch, der lieber den Weg der Anpassung als den der Selbstverantwortung wählt, in einem fortwährenden Zustand der Instabilität. Entsprechend groß ist der Energieaufwand, diese individuelle und kollektive Form der Selbsttäuschung aufrecht zu erhalten.
Wenn wir wirklichen wollen, dass existenzielle Wahrheiten uns helfen können, lohnt es sich, eine meditative Atmosphäre in unser Leben zu bringen oder – wenn schon vorhanden – diese weiter zu vertiefen. Kaum haben wir uns dazu entschlossen, können wir bereits bemerken, dass ein Gefühl der Freiheit in uns auftaucht und sich in aller Leichtigkeit weiter auszubreiten beginnt.
Doch anstatt ins Grübeln zu verfallen, ob nun unsere Annäherung an die Wahrheit oder ein weiterer Schritt Richtung Freiheit der Auslöser für unser Wohlbefinden ist, entschliessen wir uns lieber, Wahrheit und Freiheit sich selber zu überlassen und den jetzigen Moment zu genießen. Einfach so.
Denn das, was sich uns da so ganz selbstverständlich, und in seiner Selbstverständlichkeit auch ganz unschuldig präsentiert, ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Weder meine noch deine noch sonst eine Wahrheit. Wenn die Sonne scheint, scheint die Sonne – wenn es regnet, regnet es. Der Tourist flucht, weil er sich Sonne gewünscht hat, der Bauer ist zufrieden, dass es regnet, weil das Land zu trocken war.
Für alle Gefühle, welche von der Realität ausgelöst werden, gibt es Gründe, und – wenn man/frau es will – auch „Schuldige“ oder „Verantwortliche“, welche dann für die eigene Hilflosigkeit verantwortlich gemacht werden sollen. Wenn wir allerdings wollen, dass die Wahrheit uns dabei hilft, ein mehr entspanntes und genussvolleres Leben im Hier und Jetzt zu führen, dann lassen wir die Wahrheit ihren Job machen und kümmern uns lieber darum, wie wir sie erkennen, anerkennen und wertschätzen können. Das hilft. Wäre das zu schön, um wahr zu sein?
Beziehungs-Waise
Leben und leben lassen in Beziehungen
Aus Bevor der Deckel zuklappt - Lebende Geschichten (7 Minuten)
Sprache hat mich schon immer interessiert. Je mehr ich lernte, sie zu verstehen und später auch zu beherrschen, desto mehr wurde sie meine Freundin. Sie half mir, mich mit anderen Menschen zu verständigen, oder zumindest den Versuch zu unternehmen, mich verständlich zu machen. Als ich in späteren Jahren dann entdeckte, welchen Einfluss und oftmals auch Macht der Mensch mit und durch die Sprache ausüben kann, war ich fasziniert. Diese Faszination hält bis heute an. Zumal ich immer tiefer in dieses Medium eintauche, welches Menschen sowohl verbinden als auch trennen kann.
Hatte ich Sprache bis dahin als Mittel zur Verständigung angesehen, wendete ich mich jetzt mehr der Bedeutung der Sprache zu. Vor allem, was ich mir selber durch das, was ich sagte, nicht nur anderen Menschen, sondern mir selber sagen wollte. Genauer gesagt: was ich wann, zu wem, in welcher Situation und aus welchen Gründen sagte.
Denn ich war ein echter Beziehungs-Waise. Natürlich hatte ich wie alle anderen auch eine Erziehung – mehr oder eher weniger – genossen oder oftmals genießen müssen. Doch mir war mit wenigen Ausnahmen nie so richtig wohl mit dem Gefühl, dass und wie da an mir herumerzogen wurde. Ich wurde einmal hierhin und einmal dorthin gezogen, was zur Folge hatte, dass ich mich schlussendlich, und anfangs auch zu meinem großen Erstaunen, immer irgendwie am falschen Platz befand. Das fanden jedenfalls diejenigen „Verantwortlichen“, die meinten, mich in irgendeiner Form erziehen zu müssen – also dorthin zu ziehen, wo ich ihrer Meinung nach hingehörte. Und auch bleiben sollte.
Nachdem für eine ganze Reihe von Jahren ausgiebig an mir herumgezerrt worden war, begann ich zu rebellieren. Ich wollte raus aus diesem Kasten-System, in dem jeder in irgendwelchen Beziehungs-Kisten hockte. Immer wieder lud man mich freundlich aber nachdrücklich dazu ein, mich doch bitteschön in einer dieser Miniatur-Fantasiewelten häuslich niederzulassen. Anfangs bin ich diesen Einladungen auch nachgekommen. Doch der stickige Dunst, der sich durch die meisten dieser Grüfte wälzte, ließ mich nicht nur nach Luft ringen, sondern auch immer wieder die Flucht ergreifen. Ich wollte kein Beziehungs-Waise mehr sein, ich wollte Beziehungs-weise werden. Nur wusste ich leider nicht, wie das ging, oder gehen sollte. Denn genau das hatte mir keiner von meinen Er-Ziehern beigebracht.
So hörte ich also eines Tages auf, ein Zögling zu sein. Oder glaubte es zumindest. Denn ich wollte mich jetzt lieber selber erziehen, beziehungsweise mich vom Leben dorthin ziehen lassen, wo mein Platz war. Doch kaum hatte ich den Deckel meiner Herkunfts-Kiste gelüpft, um fröhlich dem Leben entgegen zu springen, fand ich mich nach einigen Luft-, Freuden-, Zickzack- und sonstigen Sprüngen ebenso schnell wie unverhofft in einer soliden Beziehungs-Kiste wieder. Deckel also wieder zu.
Nun ja – so schlecht ist es hier drinnen nun auch wieder nicht, versuchte ich mich zu trösten. Immerhin lebte ich in einer bunt bemalten Hippie-Kiste, aus der laute Musik drang, auch gerne und mit Herzblut und Leidenschaft von mir selber gemachte. Der Deckel zu unserem Kisten-Domizil stand immer weit offen, und mit dem bunten Völkchen, das bei uns ein und aus ging, wurde es auch nie langweilig.
Aber so richtig lustig war es auch nicht. Denn ehe wir es uns versahen, fanden meine Partnerin und ich uns in den Rollen von Erziehern wieder, die den anderen zum Zögling degradierten, an dem versucht wurde, herumzuerziehen. Nach zehn Jahren bemerkte ich endlich, dass mein Mund bis zum Rand mit den Brocken von eben dem Granit gefüllt war, auf den ich die ganze Zeit gebissen hatte, was mich abermals Hals über Kopf flüchten ließ.
Ersparen wir uns die Details, der nun folgenden Beziehungs-Kisten. Denn im Grunde war es immer wieder das Gleiche. Einige dieser Kisten waren größer, einige kleiner, einige waren behaglich eingerichtet, in anderen fühlte ich mich eher wie im Innern einer Eisernen Jungfrau. Manche dieser Kisten waren stabil gebaut und überdauerten mühelos die Jahre, andere hingegen waren nur für wenige Monate, Wochen oder gar Tage hastig zusammengezimmert.
Irgendwann fand ich mich dann unter freiem Himmel wieder. Diese ganze Nummer von Wolke Nummer Sieben zu Anfang und Gruselkabinett am Ende hatte mich maßlos enttäuscht. Ganz offensichtlich hatte ich mich sowohl in mir selber als auch in anderen Menschen getäuscht, und zwar gründlich. Also denn, sagte ich mir, dann bist du halt ein
Beziehungs-Waise. Aber in einer Waisen-Kiste wollte ich nicht leben, dann schon lieber vogelfrei.
Es tat mir gut, wieder frei atmen zu können und mich in der Kunst des Alleinseins zu üben. Manchmal, aber nur zu Anfang, fühlte ich mich einsam, doch zum ersten Mal in meinem Leben am richtigen Platz oder den richtigen Plätzen, auch wenn diese Plätze sich immer wieder änderten oder veränderten, und das oftmals unverhofft. Doch auf diese Weise blieb ich ständig in Bewegung.
Nachdem ich einige grundlegende Dinge über das Leben in Beziehungen verstanden hatte, nahte auch schon das Ende des wonnevollen Alleinseins. Da der gute alte Amor nur zu gut wusste, dass seine ansonsten altbewährten Pfeile an meinem Monaden-Panzer wirkungslos abprallen würden, griff er zu einer List und ließ mich durch eine Wolke von wohlriechenden Düften taumeln, die mich ganz benommen machten. Als ich schließlich nur noch rosarot sah, ließ er mich ungerührt in die Falle tappen. Als ich hörte, dass die Klappe über mir zuschlug, war es leider schon zu spät. Denn zu allem Übel hatte er die Klappe auch noch von außen verriegelt.
Heute bin ich froh darüber. Diese Kiste hält nach mehr als dreißig Jahren noch immer, auch wenn wir sie ab und zu haben renovieren müssen. Wir haben nicht nur eine Tür eingebaut, sondern auch große Fenster, so dass Licht und Luft ungehindert eindringen können.
Natürlich hatten wir oftmals unsere liebe Mühe damit, in dieser Kiste nicht zu ersticken. Von den gegenseitigen Erziehungsversuchen ganz zu schweigen. Irgendwann wurden wir müde. Aber es war eine wohltuende Müdigkeit, die sich da ausbreitete. Wir wussten nun, wie es definitiv nicht ging. Also machten wir uns auf – sowohl jeder für sich als auch gemeinsam – um Alternativen zu finden.
Und wir haben sie gefunden. Sowohl als Einzelwesen als auch als Paar. Je mehr wir bei uns selber ankommen, desto mehr Freiraum entsteht, in dem nicht nur der andere, sondern jeder selber der Mensch sein kann, der er wirklich ist. Dafür ist es hilfreich, den anderen so sein zu lassen wie er ist. Ganz einfach. Aber der Weg dahin war nicht immer einfach. Ganz und gar nicht, um genau zu sein. Und er ist immer noch nicht frei von Stolpersteinen.
Ist das Weisheit, frage ich mich? Anscheinend. Oder zumindest ziemlich dicht dran. Wenn ich heute das Alleinsein genießen kann, dann auch aus dem Grund, dass die Tür zu unserer Kiste nicht nur offen steht, sondern ganz ausgebaut wurde. So ist alles offen, vor allem unsere Beziehung. Und die Nähe zueinander, die wir spüren können, hat nicht die Qualität von Enge, sondern von Weite.
Echte und Pseudo-Cowboys
Aus dem Kapitel "Ein Schlafsack und eine Gitarre o-lala"
aus Bevor der Deckel zuklappt - Lebende Geschichten (5 Minuten)
Klischees zu bedienen, kann Freude machen – wenn man ihre emotionalen Inhalte wertschätzt, sich aber nicht mit ihnen identifiziert. Vielleicht wird diese Aussage als widersprüchlich empfunden, was ich durchaus verstehen kann. Deshalb erspare ich mir hier auch das beliebte Gegenargument „Ja schon – aber hier ist es natürlich ganz etwas Anderes!“ Und das Bild des einsam in den Sonnenuntergang hinein reitenden Cowboys ist einfach zu herzbewegend, um es auslassen zu können.
Jenseits aller Lagerfeuer-Romantik war und ist das Handwerk der „Kuh-Jungs“ ein Knochenjob, den man nur dann ausfüllen kann, wenn das Herz für diese Arbeit schlägt. Ich hatte auf meinen zahlreichen Reisen in den Südwesten des Indianerlandes zwei, dreimal Gelegenheit, mit Angehörigen dieses Berufsstandes ein Gespräch zu führen. Bei der bekannten Offenheit der US-Amerikaner bekommt man in solchen Gesprächen mehr historische Fakten in Verbindung mit dem jeweiligen persönlichen Kontext präsentiert als einem jedes Geschichtsbuch liefern könnte.
Das interessanteste dieser Gespräche durfte ich mit einem knorrigen Einzelgänger um die Achtzig (!) führen, den ich auf dem Watercanyon Primitive Campground, der in der Nähe von Socorro in New Mexico in den Great Baldy Mountains liegt, eines Abends kennenlernen durfte. Diese einfachen Campgrounds sind unterhalb der Woche meist wenig frequentiert, füllen sich aber gerne am Wochenende.
Als er am Donnerstagabend mit seinem Uralt-Pickup samt angehängtem Horse-Trailer freundlich winkend an mir vorbei rumpelte, wusste ich intuitiv, dass hier ein Gleichgesinnter aufgetaucht war, mit dem ich gerne Kontakt aufnehmen würde.
Am Freitag war ich den ganzen Tag wandernd in den Bergen unterwegs gewesen und musste nach meiner Rückkehr damit leben, dass genau gegenüber meiner Campsite mit meinem Miniatur-Zelt (“Must be an European Tourist!“) sich eine Horde von Möchtegern-Freizeit-Cowboys einquartiert hatte, deren abschätzige Blicke mir nonverbal aber überdeutlich mitteilten, was sie von mir hielten. Ihren klotzigen Pickups mit den „Jesus saves“-Aufklebern, den Stiernacken unter ihren Stetsons und den Bergen von Fleisch auf ihrem Grill hatte ich natürlich nichts entgegenzusetzen.
Stattdessen lenkte ich meine Schritte zur Campsite meines Seelengefährten, die nur wenige Schritte entfernt lag. Hier herrschte keine angespannt-aggressive, sondern eine ganz relaxte Atmosphäre. Er hatte sich in seinem Campingchair zurückgelehnt und schlürfte – bilderbuchmäßig – seinen Kaffee aus der Blechtasse, seinen Hund zu Füßen. Sein ebenfalls altes Pferd war an den Trailer angebunden und zupfte friedlich an einigen Gräsern herum.
Meine Frage, ob ich ihn stören würde, wurde verneint. Und von jetzt auf gleich waren wir in ein Gespräch vertieft. Ihn interessierte natürlich, was mich aus Switzerland ausgerechnet an diesen gottverlassenen Ort geführt hatte. Die Natur, die Einsamkeit und die Stille, war meine Antwort. Das konnte er verstehen. Er sei seit Jahrzehnten glücklich verheiratet, doch er brauche auch seine Freiheit. Spätestens dann, wenn er zu Beginn der wärmeren Jahreszeit wieder mal unruhig würde, bekäme er von seiner Frau grünes Licht, für zwei, drei Wochen loszuziehen.
Er zeigte mir bereitwillig seinen betagten Pickup, wo er sich hinter der Fahrerkabine einige Bretter montiert hatte, auf der seine Matratze lag. Darüber hatte er eine Zeltplane gespannt. „So bin ich draußen und bleibe trotzdem trocken“, grinste er. Er hätte jahrzehntelang als Cowboy gearbeitet und hätte diesen entbehrungsreichen Job geliebt. “Doch diese Freizeit-Cowboys da drüben“, wobei er nun seinerseits mit Missfallen auf unsere Nachbarn wies, „das sind nur Rednecks (= Schimpfwort für Angehörige der weißen Unterschicht, oftmals reaktionär und rassistisch eingestellt), die den Mythos des Cowboys missbrauchen!“ Für ihn und seine Berufskollegen wären das lediglich Arbeitsklamotten gewesen, derer sie sich nach Feierabend entledigt hätten.
Er erzählte mir dann noch aus seiner Jugend, wo er lernen musste, sich in einem rauen Umfeld zu behaupten, da er „a poor Boy from the Mountains“ war und somit die Geringschätzung der Wohlhabenderen im Tal zu spüren bekam. Er musste auch seine Mutter unterstützen, da die Familie zeitweise ohne den Vater auskommen musste. Dieser war nämlich dabei erwischt worden, wie er aus schierer Not schwarz gebrannten Whisky geschmuggelt hatte und war infolgedessen für einige Jahre in den Knast gewandert. Dass nur wenige Wochen später die Prohibition aufgehoben wurde, hätte nichts an dem Urteil geändert, es hätte auch keine Amnesty nach der Aufhebung des Gesetzes gegeben. Noch heute, Jahrzehnte später, war ihm die Verbitterung ob dieser Ungerechtigkeit anzumerken.
Meine Beteuerungen, dass ich verstehen könnte, wie er sich damit gefühlt haben musste, in diesen schweren Zeiten seinen Vater nicht um sich haben zu können, schienen bei ihm angekommen zu sein. Wir tauschten uns noch für ein weiteres Stündchen aus und fanden bei aller Verschiedenheit von Alter, Herkunft und Lebensweg doch so manche Gemeinsamkeiten, die uns miteinander verbanden.
Ich sah ihn dann am Sonntag noch einmal wieder, als ich von einer Wanderung im Canyon zurückkehrte und er den Canyon hinaufritt. Er grüßte mich freundlich, aber nur knapp. Doch das war schon in Ordnung. Schließlich war alles Wichtige zwischen uns gesagt worden.
Älter werden – heiter bleiben
Nach dem Sturm ist vor dem Sturm
Aus Bevor der Deckel zuklappt - Lebende Geschichten (8 Minuten)
„Jeder ist seines Glückes Schmied“ heißt es so schön. Da wäre ich gerne Schmied gewesen, denn dann hätte ich wenigstens die Balken unter den Füßen gehabt, die ich in den tobenden Wassermassen auf dem Ozean des Lebens so schmerzlich vermisst hatte. Erst später lerne ich so einige Schmiede kennen, die mir ihrerseits ihr Leid klagten. Wie oft hatten sie sich voller Tatendrang an den Amboss stellen wollen, um das Eisen zu schmieden, solange es noch heiß ist, um zu erfahren, dass die Existenz etwas ganz anderes im Sinn führte. Und auch durchsetzte. Denn es galt ja, einen Lernprozess zu durchleben, manchmal zu überleben, wie mir schien.
Da war die Esse erkaltet, weil Luzifer es mal wieder verpennt hatte, die nötigen Kohlen pünktlich zu liefern. Oder ein Kollege hatte sich den großen Schmiedehammer ausgeliehen, ihn aber nicht wie versprochen rechtzeitig zurückgebracht. Mal ging dem Blasebalg die Puste aus, mal stand der Wind so ungünstig, dass die Esse einfach nicht ziehen wollte, mal hatte der Schmied vergessen, wo er die Schachtel mit den Streich-hölzern hingelegt hatte und sie auch nicht wiederfand, so dass er das Feuer nicht entzünden konnte. Oder hatte jemand die Streichhölzer versteckt? Mittlerweile traute ich den sogenannten „Helfern der Existenz“ so ziemlich alles zu, auch wenn sie sich gerne Engel nannten.
Am härtesten hätte es ihn aber getroffen, berichtete ein bulliger Typ namens Arnold Schmiedegger mit Schultern von Kleiderschrankbreite, als er sich eines Morgens hochmotiviert vor der verschlossenen Tür seiner Schmiede wiederfand, an der ihn ein Schild darüber informierte, dass seine Werkstatt „Wegen Rationalisierung geschlossen“ sei. Die darunter stehende Telefon-Nummer kannte er auswendig: es war diejenige vom Energiespar-Abgeordneten Luzifers, mit dem er schon so manches Mal über Kreuz gelegen hatte. „Erwähn‘ dieses Wort in meiner Gegenwart nie wieder“, habe sich der luziferische Administrator mit dem bezeichnenden Namen Don Fuego bei einem ihrer Streitgespräche erregt, wobei er seine beiden Zeigefinger übereinander verkreuzte, „sonst landest du eines schönen Tages noch auf dem Scheiterhaufen! Und zwar ohne Narkose!“
Schmiedegger machte eine verächtliche Handbewegung und fuhr in seinem Bericht fort. „Erst wollte mich sein Sekretär, irgend so ein Jungteufel, der sich seine Teufelshörner noch abstoßen musste, mit fadenscheinigen Argumenten abwimmeln“, teilte er mir noch immer erregt mit, „doch da ist er an den Falschen geraten, da ich ihm mal kurz Feuer unter dem Arsch gemacht habe!“ Wie ich das kannte: wenn ich wegen irgendeiner Idiotie irgendeines Schwachkopfs stocksauer war, schreckte ich ebenfalls nicht vor drastischen Formulierungen zurück.
„Wenn er mich nicht auf der Stelle mit seinem Chef verbinden würde, käme ich sogleich mal höchstpersönlich vorbei, um ihm zu zeigen, wo der Hammer hängt!“ Woraufhin der Jungteufel prompt einknickte, denn er wusste, welcher Ruf Arnold Schmiedegger vorauseilte: Mit ihm sei nicht gut Kirschen essen, hatten ihm andere Jungteufel verraten, die ihre Hörner schon etwas mehr abgestossen hatten, es sei denn, es handele sich um Kirschen in flüssiger und destillierter Form. Aber wo zum Teufel (bei wem sonst) solle er jetzt auf die Schnelle eine Pulle Kirschbrand auftreiben?
Jetzt kam Arnold Schmiedegger immer mehr in Fahrt. „Ich sag‘ dir, als ich Don Fuego an der Strippe hatte, habe ich ihn mit zuckersüßer Stimme gefragt, ob er immer noch Interesse daran hätte, dass ich ihm ein schmiedeeisernes Tor zu seinem Garten mit den Fleischfressenden Pflanzen machen soll. Da kam der Arme auch ohne Höllenfeuer ziemlich ins Schwitzen und stammelte etwas von dem enormen Druck, den Luzifer in letzter Zeit ausüben würde: es sollten Synergien genutzt und Schmieden zusammengelegt werden, um die Kosten zu senken, da die steigenden Energiepreise auch in der Hölle angekommen wären. Und irgendwo müsse man ja schliesslich anfangen zu sparen. Aber nicht bei mir, war meine Antwort, denn sonst könne er sich sein Gartentor aus den Rippen schnitzen“, konstatierte Arnold jetzt mit unverhohlenem Triumph in der Stimme. Am nächsten Tag sei das Schild an seiner Tür verschwunden gewesen und er hätte einen anderen Schmied, der seine „Bude“ hatte auflösen müssen, als Gehilfen zugeordnet bekommen, was gar nicht schlecht wäre, da man sich die Arbeit jetzt teilen könne und infolgedessen auch mehr Freizeit habe.
Was meine neuen Freunde nicht wirklich nachvollziehen konnte, waren die Probleme, die ich mit meinem Leben auf den schwankenden Planken eines Bootes hatte. „Ich weiß gar nicht, was du hast“, meinte Arnold. „Du bist im Gegensatz zu uns, die immer in der Hitze der Schmiede harte Arbeit leisten müssen, immer an der frischen Luft, kommst in der Welt herum, und wenn du Lust hast, dann angelst du dir einen schönen Fisch!“
Unter diesem Aspekt hatte ich mein Leben noch gar nicht betrachtet. Was lag da näher, als einmal die Rollen zu tauschen, um sich gegenseitig neue Erfahrungen vermitteln zu können? Meine neuen Freunde waren von dieser Idee nicht nur begeistert, sondern als Schmiede natürlich Feuer und Flamme. Arnold würde zusammen mit zwei seiner besten Kumpels am liebsten sofort in See stechen.
Aber so einfach war das natürlich nicht. Ich brachte ihnen in einem Crashkurs die Grundbegriffe des Segelns bei und ich lernte von ihnen, wie mit Hammer, Amboss und Blasebalg umzugehen ist. Nur wenige Wochen später war es dann soweit. Ich stand am Kai und winkte meinen Freunden nach, die total euphorisiert in die Weiten des Ozeans auf-brachen. „Wir schicken dir dann mal eine Postkarte aus Hawaii!“ witzelten sie zum Abschied. Ich drückte ihnen die Daumen.
Was mich betraf, lernte ich jetzt das Schmiedehandwerk von der Pike auf. Und nicht nur das: ich musste mit vierschrötigen, oftmals stiernackigen und grünlodenbejoppten Bauern auskommen, die entweder etwas an ihren Traktoren repariert haben wollten oder ihr Reitpferd zwecks neuer Hufeisen vorbeibrachten. Meine beiden Schmiedegehilfen waren grundgütige Kerle, doch sie liebten es, mich mit ihren derben Späßen aufzuziehen. Für sie war ich der feine Pinkel, der „Käpt’n“, der sich zum ersten Mal in seinem Leben die Hände dreckig machte. Also wurde ich die Zielscheibe für manchen saftigen Witz, mit denen sie ihren weichen Kern zu verbergen suchten. Ich ließ sie gewähren, denn ich war einerseits auf ihr Fachwissen und ihr handwerkliches Geschick angewiesen, wusste andererseits aber auch um die mangelnde Wertschätzung mancher wirklich feiner Pinkel vor dem Herrn, für die sie „nur“ Handwerker waren, deren man sich bediente.
So schmiedete ich eine Weile unbehelligt vor mich hin. Bis mich eines Tages der sprichwörtliche Teufel ritt. Ich wollte es Luzifer einfach mal gründlich zeigen. Sein Gejammer über die steigenden Energiepreise ging allen auf die Nerven. Doch niemand wagte den Mund aufzumachen, denn mit dem Oberbösewicht wollte sich keiner anlegen. Tatsache war, dass er sein Höllenfeuer, welches früher sein ganzer Stolz gewesen war, jetzt schon seit Längerem auf Sparflamme brennen lassen musste. Böse Zungen lästerten sogar, dass es in der Hölle mittlerweile nicht mehr gar so schröcklich sei, mehr wie in einer schwarzsamtenen Wellness-Oase, in der die Sünden, welche die Einsitzenden ja eigentlich bereuen sollten, klammheimlich in den finsteren Ecken, von denen es in der Hölle weiß Satan genug gab, weiter gefrönt wurde, und zwar ohne Heulen und Zähneklappern. Und außerdem sei es jetzt nicht mehr so glühend heiß wie in früheren Zeiten, sondern seit dem Beginn der Sparmaßnahmen nur noch angenehm warm.
Nicht warm genug für Luzifer, der ja die Hitze seines Höllenfeuers gewohnt war und jetzt immer öfter in einer Daunenjacke gesehen wurde. Er wusste zwar genau, dass er sich damit dem Gespött der Höllenbelegschaft auslieferte, aber was blieb ihm anderes übrig: er fror einfach bis auf die Knochen, und das gottserbärmlich, auch wenn er dieses Wort hasste wie Pest.
Aus all diesen Gründen witterte ich meine Chance: Wenn ich dem Pferdefüßigen die Gelegenheit bot, sich mal einen Abend lang an meiner zum Kamin umfunktionierten Esse die alten Knochen aufzuwärmen und – ich kannte ja seinen Geschmack – ein höllisch scharfes Chili con Carne zu genießen, würde er bestimmt nicht nein sagen. Ich hatte mich nicht geirrt. Schon am nächsten Abend wolle er mich besuchen, ließ er mir durch einen ihm treu ergebenen Unterteufel ausrichten.
Ich rieb mir die Hände. Soll er nur kommen, dachte ich. Mein Plan war, ihm derart einzuheizen, dass ihm ganz warm ums Herz werden würde. Dann würde er sich sicher für den Plan erwärmen können, den ich vorhatte ihm zu unterbreiten. Denn es war meine Absicht, krisengesicherte Arbeitsplätze für meine Schmiedefreunde zu schaffen. Sie sollten ohne höllokratische Umwege ihm direkt und persönlich unterstellt werden und für ihre Schmiedefeuer sollten die allgemeinen Energiesparbedingungen nicht gelten – im Gegenteil: alle Schmiede sollten freien Zugang zu den Heizmitteln bekommen und sich nach Belieben bedienen können. Auf diese Weise wäre gesichert, dass überall ein Feuerchen loderte, an dem Luzifer sich unauffällig aufwärmen könnte.
Ein teuflisch guter Plan, wie mir schien, und obendrein perfekt. Also begann ich, meine Esse mit allen verfügbaren Brennmaterialien vollzustopfen und diese anschließend in Brand zu setzen. Das gab ein richtig gutes Feuer, was nicht nur fröhlich vor sich hin prasselte, sondern immer mehr zu wachsen schien. Ein Blick auf die Uhr: in einer Viertelstunde würde der Gehörnte hier auftauchen und von einem feurigen Inferno begrüßt werden, dass seinesgleichen suchte.
Doch dann kam alles völlig anders als von mir geplant. Das Feuer entwickelte eine derartige Hitze, dass es Arnolds alte Hütte zum Erzittern brachte. Die Flammen schlugen aus dem Kamin heraus und griffen auf die Holzbalken der Decke über. Im Nu begannen diese Feuer zu fangen und drohten herabzustürzen. Ich konnte gerade noch den Topf mit dem fast schon verdampften Chili con Carne retten (ich kann einfach kein Essen umkommen lassen) und mir den Inhalt eines Wassereimers über den Kopf gießen um nicht selber in Flammen aufzugehen, als zu allem Übel auch noch die Feuerwarnanlage wie verrückt anfing zu piepen …
Schweißgebadet wachte ich auf und brachte den immer noch piependen Wecker zum Schweigen. Was zum Teufel war das jetzt gewesen? Hatte ich das alles etwa nur geträumt? Ich warf einen Blick auf meine Hände, die zum Glück nicht rußgeschwärzt waren. Auch von versengten Augenbrauen, Wimpern oder Haaren keine Spur. Einzig allein die enorme Körperhitze, die ich bis in meine Haarwurzeln hinauf spüren konnte, ließ sich nicht verleugnen. Hatte ich beim Würzen des Chili con Carne am gestrigen Abend vielleicht doch etwas übertrieben? Aber das allein konnte es nicht gewesen sein, denn diese innere Hitze hielt noch drei weitere Tage an. Alle Welt wunderte sich, dass ich bereits im Vorfrühling in T-Shirt und kurzen Hosen herumlief, aber mir war so warm wie noch nie in meinem Leben. Erst vom vierten Tag an begann meine Körpertemperatur sich wieder im normalen Bereich zu bewegen.
Meine Angetraute, die sich schon an die merkwürdigsten Verhaltensweisen von mir gewöhnt hatte, rollte nur noch stumm mit den Augen. Und irgendwann rückte diese ganze eigenartige Geschichte immer mehr in den Hintergrund und ich begann sie zu vergessen.
Bis eines Tages meine Angetraute, die wie gewöhnlich unseren Briefkasten geleert hatte, mit einer Postkarte in der Hand auf mich zukam. „Sag mal, kennst du einen gewissen Arnold Schmiedegger?“ fragte sie ebenso verwundert wie neugierig.
Und ob ich den kannte. Sofort wurde mir wieder so heiß, dass mir der Schweiß in die Augen zu rinnen drohte. „Ja, kenne ich“, antwortete ich so unbefangen wie möglich in dem Bemühen, den Ball möglichst flach zu halten. Die Karte war aus Hawaii. Teufel noch mal, dachte ich, haben sie es tatsächlich geschafft! Und ich gestattete mir, ein kleines bisschen stolz zu sein – auf meine Segelschmiedefreunde und auch auf mich.
„Willst du mir nichts von diesem Arnold Schmiedegger erzählen?“ fragte meine Angetraute jetzt schon mit dem Unterton, den ich von ihr kannte, wenn sie sich an die Detektivarbeit machte und der sofort meine Alarmglocken schrillen ließ.
„Nö“, flötete ich und sah zu, dass ich die Postkarte in die Finger bekam und sie so unauffällig wie möglich in einer meiner Hosentaschen verschwinden ließ. „Ist nicht so wichtig“, wiegelte ich ab, „nur eine flüchtige Reisebekanntschaft, die ich fast schon vergessen hatte.“
„So, so“, meinte sie betont gleichgültig, „flüchtige Reisebekanntschaft, fast schon vergessen. Aber nicht flüchtig genug, um ein mächtiges Erröten und einen Schweißausbruch auszulösen, oder?“
Ich zuckte nur hilflos mit den Schultern, denn in meinem Denkapparat herrschte ausgerechnet jetzt Funkstille. In diesem Moment hätte ich alles dafür gegeben, jetzt mutterseelenallein und unbehelligt von inquisitorischen Fragen auf dem sprichwörtlichen Stillen Ozean oder Pazifik friedlich vor mich hin zu segeln.
Die Erinnerungen an meine abenteuerlichen Segeltörns, die Zeit hinter dem Amboss und meine Rolle, die ich für eine Zeitlang in Luzifers Ring of Fire gespielt hatte, ließen mich eine Entscheidung fällen: Hinter dem Steuerrad eines Segelboots fühlte ich mich deutlich wohler als mit dem Schmiedehammer in der Hand. Diese Erkenntnis motivierte mich schließlich, den Segelschein zu machen.
Jetzt fühle ich mich auf den Wogen des Meeres nicht nur ausgesprochen wohl, sondern richtig zuhause. Und da ich mittlereile gelernt hatte, die periodisch auftretenden Stürme geduldig abzureiten, wuchs in mir eine heitere Gelassenheit, die auch den Menschen um mich herum nicht verborgen blieb.
„Dich bringt ja wohl gar nichts mehr aus der Ruhe“, meinte einer meiner Freunde neulich. „Darf man erfahren, aus welchen Gründen sich ein von Selbstzweifeln und Unsicherheit geplagter Mensch in einen selbstbewussten und souveränen Macher verwandelt hat, der mit einem Lächeln auf den Lippen durchs Leben geht?“
In Augenblicken wie diesen bleibt mir nichts anderes übrig, als heitere Hilflosigkeit zu signalisieren. Ich weigere mich aus gutem Grund, diesen Teil meiner persönlichen Geschichte mit anderen Menschen zu teilen. Es würde mir sowieso niemand glauben. Das Einzige, was ich hin und wieder bedaure, ist der Umstand, dass ich so alt werden musste, um diese heitere Gelassenheit zu entwickeln.