Auszüge aus den Büchern von Achim


Wege und Gefährten

Unterwegs im Innen und Außen

Was mich mit Menschen und ihrem Einfluss auf meinen Lebensweg verbindet



Bob Dylan: The Windblower - How does it feel? (8 Minuten)
Reinhard Mey: Der Wolkenflieger (6 Minuten)
Buddy Red Bow: Journey to the spirit world (7 Minuten)
Rüdiger Nehberg: Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen (7 Minuten)

The Windblower 

Aus Wege und Gefährten - Unterwegs im Innen und Außen (8 Minuten)


 How does it feel? 

 

You used to laugh about everybody that was hanging out. 

Now you don’t talk so loud, now you don‘t seem so proud, 

about having to be scrounging your next meal. 

 

How does it feel? How does it feel? 

To be without a home? Like a complete unknown? 

Like a Rolling Stone? 

 

Diese vier Worte How does it feel aus Bob Dylans Like a Rolling Stone und die dazu gehörigen Lyrics in der Bridge des Songs gehören mit zu den bekanntesten und berühmtesten Wortfolgen in der populären Musik. Und sie werden demzufolge vom Publikum mit voller Leidenschaft mitgesungen. Wohl auch, weil wohl schon jeder Mensch einmal Demütigungen und Verletzungen erfahren hat, wenn ein scheinbar von der Schicksalsgöttin Fortuna mehr begünstigter Mensch triumphierend an ihm vorbeigezogen ist. Doch wo eine Vorderseite vorhanden ist, existiert in dieser dualistischen Welt auch eine Rückseite. Je größer diese Vorderseite ist, desto größer ist logischerweise auch die Rückseite. Je höher der Aufstieg, desto tiefer der Fall. Schon das Alte Testament lehrt uns, dass Hochmut vor dem Fall kommt. 

 

Wenn dann derjenige Mensch, der sich eben noch als Halbgott wähnte, sich nach seinem Sturz in der Gosse wiederfindet und jemanden um seine nächste Mahlzeit anschnorren muss, sind ihm die großen Sprüche vergangen. Wie fühlst du dich jetzt? fragt der eben noch gedemütigte Mensch den eben noch gottgleichen Zeitgenossen. Wie fühlst du dich damit, kein Zuhause mehr zu haben, ein völlig Unbekannter zu sein, wie ein rollender Stein zu leben? Das sind die Momente im Leben, in denen mensch Genugtuung verspürt, dem anderen Menschen die Bauchlandung gönnt, in denen er sich vielleicht von dem Gefühl wärmen lässt, dass es doch noch so etwas wie Gerechtigkeit gibt. Doch das beinhaltet keine Freude. 

 

Dem Spruch Schadenfreude ist die schönste Freude konnte ich nie etwas abgewinnen. Vor allem in denjenigen Situationen nicht, in denen ich den Schaden hatte und andere sich ausgiebig auf meine Kosten des Lebens freuten. Zumal ich dann noch mit einer anderen „Lebensweisheit“ Bekanntschaft machen durfte: dass nämlich der, der den Schaden hat, für den Spott nicht zu sorgen braucht. Unglaublich witzig. Und was bitte ist das für eine „Freude“, die sich an dem Missgeschick eines anderen Menschen „weidet“? Sagt diese Formulierung „sich weiden“ nicht alles aus über den Charakter eines Menschen, der sich derart verhält? 

 

Womit wir auch schon beim nächsten Begriff wären, der zu diesem Komplex gehört: der Rache. Soll ja bekanntlich „süß“ sein. In meinem eigenen Erfahren habe ich sie allerdings immer mehr als bittersüß erlebt. Denn sie hat mich nie wirklich befriedigt, sondern immer einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Heute weiß ich auch, warum: wenn wir uns so tief in unsere innere Verbitterung fallen lassen, dass wir Rache nehmen müssen, schafft das keinen Frieden. Weder im Innen noch im Außen. Denn der Mensch, an dem Rache geübt wurde (was wurde hier geübt?) will nun seinerseits Rache nehmen (was wird hier genommen?), und alles tun, um uns noch mehr zu peinigen. Dieses unselige Prinzip kennen wir aus dem System der Blutrache, wo insofern konsequent gehandelt wird, dass hier ein Mensch nicht nur psychisch, sondern physisch ausgelöscht wird. Was dazu führt, das selbst in heutigen Zeiten in einem Land wie Albanien immer noch Dutzende männliche Mitglieder der jeweils betroffenen Sippe in der Blüte ihrer Jugend an ihr Haus gefesselt sind, da sie sonst ihr Leben aufs Spiel setzen. 

 

Wie würde sich dagegen eine Konfliktsituation gestalten, wenn die beteiligten Menschen den direkten Weg gehen würden? Direkt in dem Sinne, dass sie sich nicht Erleichterung verschaffen indem sie andere Menschen demütigen und verletzen, sondern ihre eigenen Verletzungen offenlegen würden? Wenn die Frage How does it feel? nicht anschließend (nach dem Racheakt) sondern zu Anfang gestellt würde? Hätten Tom Petty und sein Vater vielleicht zueinander finden können, wenn sie you don’t know how it feels to be me als Ausgangspunkt eines Annäherungsprozesses an den Anderen, der einem so nahe steht und doch so fremd ist, verstanden hätten? Sich überhaupt um Verständigung bemüht hätten, was ja ein Verstehen, warum der Andere so ist, wie er ist, beinhaltet? 

 

Dann würden nämlich all die Fragen, die Bob so poetisch besingt, nicht weiter vom Wind davongetragen werden, sondern in sich selber und aus sich selber heraus beantwortet werden. Indem wir dazu stehen, dass uns mehr als eine Wunde geschlagen wurden und wir die damit verbundenen Schmerzen annehmen und fühlen, tun wir einen ersten und vor allem entscheidenden Schritt: wir besinnen uns auf uns selbst. Und wir erinnern uns wieder daran, dass alles, was in unserem Leben geschehen ist und noch geschieht, von uns selber ausgegangen ist. Dass nicht das Leben, das Schicksal, unser Karma oder eine zürnende Gottheit ohne unser Wollen in unser Leben eingreift, sondern dass wir selber die Weichen stellen. Wir selber suchen uns unsere Lebensaufgaben aus, ob wir dies nun wahrhaben wollen oder nicht. Indem wir im Sinne des Wortes die Ver-Antwort-ung für das übernehmen, was uns im Leben „zustößt“, teilen sich uns auch nach und nach die Antworten mit und wir brauchen nicht länger dem Wind zu lauschen. Wobei es nicht schaden kann, genau dies zu tun: denn der Wind weiß uns so manches zu flüstern, was uns den Weg weisen würde, aber oftmals von unserem lärmenden Verstand übertönt wird. Zum Glück gibt es die Poeten, welche die leise Stimme des Windes in ihren Liedern und ihren Worten für uns hör- und fühlbar machen. 

 

Leave your stepping stones behind, there’s something that calls for you. 

Forget the debt you’ve left, that will not follow you. 

Bob Dylan in „It’s all over now Baby Blue“ 

 

Wenn wir das (nächste) Sprungbrett (mal wieder) erklommen haben und uns (abermals) beim Blick in die Tiefe schaudert, können uns diese Worte von Bob wieder Mut machen: auch die Sprungbretter hinter uns zu lassen, denn da gibt es etwas, was uns ruft. Vergessen wir die Schuld(en), die wir hinter uns gelassen haben, denn sie werden uns nicht folgen. Nur dann, wenn wir sie nicht loslassen, können sie weiter unser Leben bestimmen. Und wenn wir genau hinhören, können wir in Augenblicken wie diesen die leise, aber eindringliche Stimme des Windes vernehmen, die uns immer und überall hin begleitet. Und wenn wir noch genauer hinhören, eröffnet sich uns eine tiefgreifende Weisheit, die unser Leben verändern kann. Denn die Botschaft ist in ihrem Kern immer gleich: zu leben heißt in Liebe, Frieden und Freiheit aufzugehen. 

 

Wie fühlt sich das an? 

 

Wie fühlt es sich an, du zu sein, wenn du weißt, dass du fleischgewordene Liebe bist? Dass du Frieden in dir trägst und dass deine innere Freiheit dir Flügel verleiht, welche dich überallhin tragen können? 

 

Auch dafür brauchen wir den Wind. Danke, Bob.             

Der Wolkenflieger

Aus Wege und Gefährten - Unterwegs im Innen und Außen (6 Minuten)

    

 

Was ist von einem Barden zu halten, des ausgerechnet an einem Freitag dem Dreizehnten die Bühne betritt und ein hektisches Lied zum Besten gibt, in dem ein Dackel verrückt wird und einen Polizisten beißt, obwohl sich zum Schluss herausstellt, dass es erst der Zwölfte ist und Donnerstag? Welcher frohgemut eine Ballade über einen Pfeifer anstimmt und dabei knapp dem Tod durch den Strang entgeht? Der auf einer Diplomatenjagd  fast eins mit dem Schießprügel übergebraten bekommt? Der bei einer heißen Schlacht am kalten Buffet nicht nur um Aspik und Frikassee kämpft, sondern auch ums Überleben? Und wo wir schon beim Essen und Trinken sind: welcher in seiner Trilogie auf Frau Pohl (seine Zimmervermieterin in längst vergangenen Studententagen) einen Kumpel hatte, der ihn zu der Verszeile „… goss im Delirium drei Flaschen Korn ins Aquarium“ inspirierte? Die armen Fische … und das obendrein von einem überzeugten Vegetarier! Das war 1969, also noch weit vor der Zeit, in der das Klagelied eines sentimentalen Programmierers das moderne Computer-Zeitalter einläutete.

 

Wobei die Frage, ob das Ausstellen eines Antrags auf Erstellung eines Antragsformulars heutzutage online weniger nervenaufreibend ist. Immerhin muss mensch nicht mehr so feste mit dem Kugelschreiber drücken (drei Durchschläge!) um den "Sesselfurzern" in irgendeiner Behörde Druck zu machen. Wenn’s dann gar zu arg wird mit dem Behördensprech, kann mensch erstmal eine Pause einlegen, um sich im Garten zu erholen. Was aber leider nicht immer möglich ist, da die Idylle und vor allem die Ruhe gerne durch die Gartenfanatiker ringsum mehr als uns lieb ist gestört werden. Diese zusätzliche Belastung der ohnehin schon blankliegenden Nerven führt dann gerne zu dem genervten Ausruf irgendein Depp mäht irgendwo immer! Auch des Nachts sollte mensch es sich reiflich überlegen, ob es eine weise Entscheidung ist, den Garten im Finstern aufzusuchen. Denn der Mörder ist immer der Gärtner, welcher uns zuerst mit dem Stiel des Laubrechens zu Fall bringt, um uns anschließend an die Gurgel zu gehen. Woraus wir ersehen können, dass dieses Lied noch vor Einführung des Laubbläsers geschrieben wurde.

 

Wie auch immer: wenn es uns dann wirklich ultimativ zu viel wird mit dem Lärm und der Unruhe im Diesseits, können wir uns immer noch mit einem wehmütigen Gute Nacht Freunde ins Jenseits verabschieden. Denn über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Zumindest solange, wie noch genug Kerosin im Tank ist.

 

Dieser kurze Streifzug durch einige der bekanntesten Lieder des 1942 in Berlin geborenen Reinhard Mey, der schon in seiner Jugend mehrfach als Austauschschüler in Frankreich gewesen war, das Französische Gymnasium in Berlin besuchte und später neben dem deutschen Abitur auch das französische  Baccalauréat machte, wollte schon früh wie Orpheus singen, so jedenfalls der Titel eines seiner ersten selbstgeschriebenen Chansons. Doch zuerst absolvierte er brav (wie auch viele andere Künstler in ihren Lebensläufen) eine kaufmännische Lehre. Doch schon 1964 trat er auf einem Folklore-Festival in der Burg Waldeck auf, wo er Hannes Wader kennenlernte – einen Gesinnungsgenossen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden sollte. Eine erste Single folgte. Doch vorerst schrieb er sich – auch um die Eltern zu beruhigen – an der Technischen Universität Berlin für das Studienfach Betriebwirtschaftslehre ein.

Vorerst – denn bald ging es Schlag auf Schlag: weitere EP‘s mit Liedern in deutscher und französischer Sprache folgten. Bereits 1967 erhielt er einen Plattenvertrag für Frankreich, was zur Veröffentlichung der LP Frédérik Mey, Volume I führte, die sofort mit einem Preis ausgezeichnet wurde. 1969 erlangte Reinhard – inzwischen mit der Französin Christine verheiratet – größere Bekanntheit durch Freitag den 13. und gab seine ersten Solo-Konzerte. Der Mitschnitt in der Hochschule für Musik in Berlin wurde als Doppel-LP Reinhard Mey – Live herausgebracht und brachte nicht nur den Durchbruch, sondern wurde auch vergoldet.

In diesem Stil ging es weiter. Mit einer 142-Städte-Tourne durch die deutschsprachigen Länder, einer zweiten und dritten LP in Frankreich inklusive einer 30-Städte-Tournee setzte Reinhard seinen Erfolgsserie fort. Auch in den Niederlanden ist er mittlerweile aktiv. In den nächsten Jahren kommt Reinhard kaum zur Ruhe, da er mehr oder weniger ständig auf Tournee ist oder neue Alben aufnimmt. Die Ehe mit Christine geht darüber in die Brüche. Doch schon bald geht aus der Beziehung zu seiner Freundin Hella Sohn Frederik hervor, was zu dem Album Menschenjunges führt. Die Piloten-Lizenz hat Reinhard schon seit Jahren, nun durchläuft er 1982 auch noch die Ausbildung zum Privathubschrauberführer und erwirbt die Berechtigung zum Kunstflug auf Motorflugzeugen. Neben anderen Auszeichnungen erhält er das Bundesverdienstkreuz und beginnt sich ab den 1990er Jahre vermehrt in sozialen Benefiz-Projekten zu engagieren. Ebenso unterstützt er junge Musikschaffende aus Norddeutschland, die auf Platt singen.

Der Tod seines Sohnes Maximilian, der für fünf Jahre im Wachkoma gelegen hat, wirft 2014 einen tiefen Schatten auf sein Leben. Mit der Single Dann mach’s gut und dem gleichnamigen Album plus Tournee verabschiedet sich Reinhard von seinem Sohn. Auch diese Tonträger werden vergoldet. Bei den folgenden Alben und Tourneen zweigt Reinhard immer einen Teil der Einnahmen für Hilfsprojekte ab. Unter dem Projektnahmen Reinhard Mey und Freunde entsteht in Zusammenarbeit mit zwei Dutzend SängerInnen und MusikerInnen eine Neuaufnahme und ein Video von Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht. Der Erlös geht an Friedensdorf International e.V.

Von den rund 500 Liedern, die Reinhard bis jetzt geschrieben hat, haben mich einige durch mein Leben begleitet. Für mich ist er ein wahrer Meister der Sprache, der mit einem scheinbar unerschöpflichen Wortschatz, mit Humor und gleichzeitigem Tiefgang sowohl (scheinbar) Alltägliches in neue Formen gießen kann, als auch die großen Fragen und Träume des Menschen nicht nur ansprechen, sondern ihnen in einer direkten und gleichwohl respektvollen Art eine Stimme geben kann.


Wenn die Bezeichnung Künstler auf einen kunstschaffenden Menschen zutrifft, dann meinem Empfinden nach auf ihn. Und wenn jemand wie er, der den letzten großen Krieg und seine Nachwehen noch miterlebt hat, den Verantwortlichen fünfzig Jahre später ein Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht entgegen schleudert, dann sind das nicht nur Angst und Wut, die ihm die Feder führen, sondern das, was früher in der Literatur heiliger Zorn genannt wurde. Mit anderen Worten: die Empörung darüber, dass es immer noch Menschen gibt, welche andere die Drecksarbeit machen lassen und dennoch keinerlei Gewissensbisse zu haben scheinen, in weichen Kissen nicht nur zu sitzen, sondern sie auch als sanftes Ruhekissen zu benutzen. Quelle: www.reinhard-mey.de

Spirit Keeper Buddy Red Bow

The Journey to the spirit world
Aus
Wege und Gefährten - Unterwegs im Innen und Außen (7 Minuten)


Journey to the Spirit World


Get yourself ready, get your body ready,

purify your mind while you can.

Go to the sweatlodge, pray with the peace pipe, 

for the the end is ’round the bend.

 

For the days are coming and the nights are running,

and soon you will be leaving this land.

Gonna wrap you in a buffalo robe and sing your death song.

And they’ll lay you on a bed of sage high above the ground.

 

The journey to the spirit world is a long one my friend.

But when you die that doesn’t mean that this is the end.


Im Juni 1998, auf einer meiner ersten Reisen in den Südwesten, war ich auf dem Rückweg von der Fort Apache Reservation in Arizona nach Albuquerque in New Mexiko, um von dort über den großen Teich zurückzufliegen. Ich hatte nur noch zwei Tage, die ich „zuhause“ verbringen konnte, und befand mich schon in Abschiedsstimmung – wie immer etwas traurig, dass es schon wieder vorbei war. Gleichzeitig war ich wieder voll mit einmaligen Erlebnissen und Eindrücken, von denen ich noch lange zehren konnte. 
     

Als ich an einer Tankstelle wieder aufgefüllt hatte, sprang mir beim Bezahlen dann auf dem Verkaufstresen ganz unerwartet eine Musik-Cassette ins Auge: Buddy Red Bows „Journey to the spirit world“. Für das Cover wurde ein Gemälde von Ed Two Bulls verwendet. Es zeigte eine erhöhte Plattform auf einem Holzgerüst, auf dem ein Leichnam aufgebahrt war. Wie viele andere Stämme benutzten auch die Lakota diese Holzgerüste, um ihre Toten darauf zu bestatten. Der Körper wurde in ein Bison-Fell gewickelt und auf Zweigen des  Salbeistrauchs gebettet, der stark duftenden Pflanze, die sich überall im Südwesten findet. So waren die Toten dem Himmel näher und vor Aasfressern wie den Coyoten weitgehend geschützt. 

 

Mein Interesse war sofort geweckt – mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich hier auf einen Musiker gestoßen war, der mich ein Stück meines Weges begleiten würde. Ich hatte mich nicht getäuscht. Nachdem ich die Cassette im Auto eingelegt hatte und der erste Song „Arrival“ mit seinen Sphärenklängen und den Lakota-Gesängen im Hintergrund schon für Gänsehaut gesorgt hatte, ging es mit der „Journey“ weiter sowie zwei Songs, die von der Ausrottung der Bisons sowohl von Black Elk, dem letzten großen Seher seines Volks handelten. Doch dann kam „Run, Indian run“, in dem die erbarmungslose Vernichtung der Ureinwohner dieses Kontinents thematisiert wird. Bei den Verszeilen „They killed all our buffalos, they’ve taken all our land, run, Indian run, run while you can, here comes the white man“ war es dann um mich geschehen. Ich musste anhalten, denn ich war emotional total aufgewühlt und in Tränen aufgelöst.

 

In dieser Lebensphase war ich sehr stark mit dem Schicksal der Ureinwohner auf dem nordamerikanischen Kontinent identifiziert. Von einer arroganten, technisch, materiell und zahlenmäßig überlegenen Kultur gnadenlos verdrängt und weitgehend vernichtet zu werden, empfand ich als ein himmelschreiendes Unrecht, das zudem ja auch andere ethnische Gruppen auf Mutter Erde erleiden mussten. 

 

Gleichzeitig wurden sie (nach ihrer Ausrottung) als „edle Wilde“ idealisiert. Von Hollywood wurden sie gerne als Statisten in Western eingesetzt, wie bei den von John Ford im Monument Valley gedrehten Filmen, während die tragenden Rollen von Weißen gespielt wurden, die mit Perücken versehen zu „Indianern“ umgeschminkt worden waren. All das sowie das barbarische Gemetzel, dem die Bisonherden zum Opfer fielen, standen mir überdeutlich vor Augen.

Buddy wurde 1948 als Warfield Richards geboren, wurde aber schon als Kind von der Red Bow Familie adoptiert. Er wuchs in der Pine Ridge Indian Reservation in South Dakota auf und ging in Rapid City in die High School. Diese verließ er aber vorzeitig, denn er wollte Schauspieler werden. Ende der 1960er Jahre ging er als Marine für zwei Jahre nach Vietnam. In den 1980ern und 1990ern nahm er mehrere Alben auf und spielte einige kleinere Rollen in Western. Soweit die spärlichen Infos auf Wikipedia.

 

Quelle für den folgenden Text: Auszüge aus dem Artikel „Remembering Buddy Red Bow“ von Katy Beem in der Native Sun News Today vom 4. Oktober 2019. Katy ist ebenfalls eine Lakota.

Fühle den Herzschmerz

 

Katy erinnert sich daran, dass sie schon seit ihrer Kindheit mit Buddys Musik vertraut war, weil ihre Mutter gerne seine Schallplatten abspielte. Wobei sie sie immer dazu anhielt, den Herzschmerz in Buddys Stimme zu fühlen. „He really gets it!“  Später als Jugendliche – Buddy hatte gerade seinen Song South Dakota Lady veröffentlicht – sang sie dann bei weit geöffneten Fenstern zusammen mit ihren Freunden lauthals mit, wenn dieses Lied im Autoradio gespielt wurde während sie auf dem Highway 40 durch die Gegend kurvten. „So fühlten wir uns damals: als South Dakota Ladies!“

 

Viele von Buddys Lieder könne man als Protest-Songs bezeichnen, in denen das Abschlachten der Bisons ebenso wie die Repressalien gegen die Ureinwohner thematisiert würden. Der vielleicht beliebteste Song bei den Jugendlichen war Run Indian, run mit seinen ebenso eindringlichen wie eindeutigen Versen.

 

Buddy hatte mittlerweile soviel Geld zusammenkratzen können, um in Denver Tatanka Records zu gründen. Auf diesem Label spielte er seine ersten drei Alben ein. Gleichzeitig kam er in Denver mit einigen Stars der Country Musik Szene wie Waylon Jennings in Kontakt. Er war auch mit Willie Nelson bekannt und hing mit John Denver ab. Wie seine spätere Ehefrau Barb Hamilton, die Buddy in einer indianischen  Zeremonie heiratete, berichtet, waren nächtelange Jam-Sessions an der Tagesordnung, „wie Musiker nun mal sind“. Buddy hatte sich einen Freundes- und Bekanntenkreis aufgebaut, in dem er auch wegen seiner herzlichen Art geachtet und geschätzt wurde.

Doch außerhalb der Reservation wurde seine Musik kaum gespielt. Es stellte sich als schwierig heraus, weiterhin Geld aufzutreiben, um traditionelle und zeitgenössische indianische Musik auf einem Label veröffentlichen zu können. „Dafür gibt es keinen Markt“ war jedesmal die Antwort, wenn Buddy wieder irgendwo vorstellig geworden war. Diese Enttäuschungen belasteten ihn. „Keiner zeigt Interesse, wenn ein Indianer Musik macht. Würde ich aber losziehen und als Indianer Leute überfallen und ausrauben, würde ich sofort auf der ersten Seite landen!“ klagte er einmal in einem Interview.

 

Doch dieser Frust hielt ihn nicht davon ab, ein großzügiger und geselliger Mensch zu sein, der es liebte, andere zum Lachen zu bringen und Geschichten zu erzählen, die alle glücklich machten, wie seine Tochter Stardust berichtet.

 

Seine Partnerin Barb trennte sich allerdings von Buddy, als Stardust ein Jahr alt war. „Dieser Lifestyle mit all den Musikern war äußerst interessant, doch ich brauchte mehr Stabilität, um Stardust aufziehen zu können“, begründete sie ihren Entschluss. Sie und Buddy blieben dennoch die besten Freunde für den Rest seines Lebens.

Buddy Red Bow widmete sich weiter mit Hingabe und Leidenschaft seiner Passion, seine Botschaft unter die Menschen zu bringen. Dabei stand er für seine Überzeugung, dazu beizutragen, für die kommende „Rainbow-Generation“, wie er sie nannte, eine bessere Welt zu schaffen, auch dann ein – so Stardust – wenn seine Ehrlichkeit kommerziellem Erfolg im Wege stand.

 

Buddy starb bereits 1993. Er wurde lediglich 44 Jahre alt. Als Todesursache wurde Leber-Zirrhose diagnostiziert, was auf ein Alkoholproblem hinweisen könnte. 1998 wurde er posthum in die Native American Music Awards Hall of Fame aufgenommen. Seine Musik lebt weiter.

 

Barb denkt mit Wehmut an ihren Partner und lebenslangen Freund zurück. „Buddys universelle Anziehungskraft und sein Einfluss waren überall zu spüren. Seine Musik überwand alle sozialen Schranken wie Klassen, Rassen, Erziehung und Kulturen. Buddys Musik spiegelte seine tiefempfundene Spiritualität, seine Liebe zur Natur und seine Sorge um Mutter Erde wieder.“ 

 

Wie Buddy in einem Interview erzählte, träumte er nachts oft Songs, die nach dem Aufwachen nur noch von ihm niedergeschrieben werden brauchten. Also sei er jeden Tag glücklich, am Leben zu sein. Und das vor dem Hintergrund, dass ein Indianer sich vom Tag seiner Geburt an auf den Tod vorbereite. 

 

Die Menschen seien nicht allein, doch in diesem Augenblick würden sie ganz allein vor dem Großen Geist stehen. So wie ein Adler, der immer alleine fliegt.

 

Just like the Eagle we’re flying alone.

But we should not worry, be afraid,

for we will not be alone.

 

Buddy Red Bow in „Standing alone“ 

Rest in Peace, Buddy

Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen

Aus Wege und Gefährten - Unterwegs im Innen und Außen (7 Minuten)


Heute beginnt der Rest des Lebens

und keiner ist zu gering, die Welt zu verändern.

Rüdiger Nehberg, 1935 – 2020 

Abenteurer und Menschenrechts-Aktivist

        

 

Sir Vival                            

 

Ich bin Rüdiger Nehberg nie persönlich begegnet, aber ich habe einige seiner Bücher gelesen und stehe auf der Spender-Liste für seine Menschenrechts-Organisation TARGET. Doch auch aus der Ferne war mir Rüdiger immer nahe, da er zu den Menschen gehört, die in ihrem Leben und Wirken derart transparent sind, dass sie einem so nahestehen wie Verwandte oder enge Freunde. Vor allem gehörte er für mich nicht zu der Sorte von Abenteuer-Extremisten, welche irgendwelchen Rekorden hinterherjagen und ansonsten inhaltlich nicht viel zu bieten haben. Nicht umsonst hatte Rüdiger in der Survival-Szene den Ehren-Namen Sir Vival  erhalten.

Auch Rüdiger startete seine ersten Expeditionen aus reiner Abenteuerlust. Da er jedoch auf seinen Reisen immer wieder mit Menschenrechtsverletzungen in Berührung kam, entwickelte er bald ein starkes Engagement für benachteiligte Minderheiten. Doch vorerst erlernte er den Beruf des Bäckers und Konditors, führte für 25 Jahre eine große Bäckerei in Hamburg mit 50 Angestellten und unternahm Radtouren um die halbe Welt. Doch das war erst der Anfang. Er befuhr mehrmals den Blauen Nil in selbstgebauten Booten und durchwanderte die Danakil Wüste im Nordosten Afrikas zu Fuß. 

 

1980 erfolgte der spektakuläre eintausend Kilometer lange Deutschland-Marsch von Hamburg nach Oberstdorf in Bayern bei dem er sich nur von dem ernährte, was er in der Natur fand. (Joey Kelly, einer der größten Bewunderer Rüdigers, ist diese Strecke unter den gleichen Bedingungen ebenfalls gelaufen.) Dieser Lauf diente als Test für künftige Aktionen im brasilianischen Regenwald. Rüdiger hatte sich dort mit dem Volk der Yanomani angefreundet und war fasziniert von ihrem Können und Wissen im Urwald zu überleben. Mit mehreren aufsehenerregenden Aktionen machte er auf die Situation dieses indigenen Volkes aufmerksam, dass zusehends von Goldsuchern in seinem angestammten Lebensraum bedrängt wurde.

 

So überquerte er dreimal den Atlantik auf abenteuerlichen schwimmenden Untersätzen: Zuerst mit dem Tretboot, dann mit einem Floß und zuletzt mit dem Trimaran The Tree, der aus einer 350 Jahre alten Weißtanne gefertigt war. Die weltweite Resonanz auf diese Aktionen zwang die Politiker in Brasilien zum Handeln.

 

Sein größtes Herzensanliegen war aber der Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung, der er in Afrika vor allem in den muslimischen Ländern begegnet war. Diesem barbarischem Brauch fallen heute noch geschätzt achttausend Mädchen pro Tag, also alle elf Sekunden eines (!) weltweit zum Opfer. Zusammen mit seine Frau Annette und einem Team von einheimischen Partnern begann er mit Kamelen durch die Wüste zu ziehen, um die abgelegen Siedlungen der Wüstenvölker zu erreichen. Diese Karawane der Hoffnung  hatte sich der Aufklärungsarbeit vor Ort verschrieben. Es blieb aber nicht nur bei Worten. Den nun „arbeitslosen“ Beschneiderinnen wurden neue Verdienstmöglichkeiten eröffnet. 

 

Im Jahr 2000 gründete Rüdiger schließlich die Menschenrechtsorganisation TARGET, welche nun weltweit operieren konnte. 2006 gelang es ihm durch unermüdlichen Einsatz auf einer Konferenz von islamischen Autoritäten in Kairo, eine Fatwa der Rechtsgelehrten zu erwirken, welche die Genitalverstümmelung zur Sünde erklärte. Seitdem sind Teams von TARGET, bestehend aus einem Fahrer, einem Assistenten einer Krankenschwester und einem Iman in Städten und Dörfern unterwegs. In Äthiopien konnte nach fünfjähriger Bauzeit 2015 eine Klinik eröffnet werden, welche dem 1,6 Millionen zählenden halbnomadisch lebenden Volk der Afar medizinische Versorgung bei Geburten und den Folgen der Bescheidung anbietet. Die rund 500 Behandlungen und 30 Geburten monatlich werden von einem Ärzte- und Pflegeteam durchgeführt, das sich ehrenamtlich einbringt. Die Klinik, welche auf europäischem Niveau arbeitet, ist durch eine Solar-Anlage unabhängig vom Stromnetz und genießt in der Bevölkerung große Wertschätzung.

 

Als ich im Dezember 2022 wieder den Jahresbericht von TARGET erhielt, wurde ich mit einer schockierenden Nachricht konfrontiert: Das Gebiet, in dem die Klinik liegt, geriet in die Kampfzone zwischen Regierungstruppen und einer Rebellen-Armee. Im Rahmen der Kampfhandlungen wurden die Einrichtungen der Klinik von den Rebellen komplett zerstört, alles irgendwie Brauchbare wurde entwendet, auch die zwei Ambulanzfahrzeuge wurden mitgenommen. Zu diesem Zeitpunkt stand TARGET dort vor dem Nichts und bemühte sich um Schadensbegrenzung. Im Jahresbericht 2023 kam dann die Nachricht, dass die Schäden dank großzügiger Spenden behoben werden konnten.
 

Leider ist das Thema Genitalverstümmelung auch ein soziales Problem. Da eine unbeschnittene Frau in den betreffenden Ländern als Prostituierte gilt, sind die Eltern großem sozialen Druck ausgesetzt, ihre Töchter beschneiden zu lassen, da sie sonst keinen Ehemann finden. Was zur Folge hat, dass über neunzig Prozent der Mädchen diesen brutalen Akt über sich ergehen lassen müssen. In den ländlichen Gebieten überleben rund ein Viertel der Opfer diesen Eingriff nicht. Bei der radikalsten Form, der sogenannten Pharaonischen Beschneidung, werden nicht nur Klitoris und Schamlippen entfernt (auf dem Land ohne Anästhesie, oftmals mit rostigen Rasierklingen), sondern die Mädchen werden anschließend noch bis auf eine winzige Öffnung zugenäht. So kann das Entleeren der Blase bis zu einer halben Stunde dauern. Bei der Eheschließung werden sie dann im Sinne des Wortes wieder „aufgeschnitten“. Trotzdem ist jede Geburt mit einem hohen Risko verbunden und es gibt viele Todesfälle, die Säuglingssterblichkeit liegt bei fünfzig Prozent.

 

Bedauerlicherweise ist diese unselige „Tradition“ aber nicht auf irgendwelche rückständigen Länder in der Dritten Welt beschränkt. Durch die Migration hat sie mittlerweile auch die Industriestaaten in der ersten Welt erreicht. Es wird geschätzt, dass alleine in Deutschland rund 70.000 Frauen und Mädchen betroffen sind. Und das, obwohl in der Fatwa der Rechtsgelehrten die genitale Verstümmelung als „Teufelswerk“ bezeich-net und unter allen Umständen verboten wird, da sie gegen die Ethik des Islams gerichtet sei.

 

Wenn ich mir vorstelle, ich hätte eine Tochter und würde in einer Gesellschaft leben, die mich zwingen würde, meinem Kind massive körperliche und seelische Schäden zuzufügen, nur damit es soziale Anerkennung findet und später eventuell von einem Ehemann versorgt werden kann, stehen mir die Haare zu Berge. Ich glaube, dass diese extremen Grausamkeiten keines weiteren Kommentars bedürfen.        

 

Rüdiger hat um die Größe der Aufgaben, der er sich mit seinen Projekten gestellt hat, gewusst. Doch der Mann, von dem der Ausspruch „Das Risiko war immer mein Hobby“ stammt, hat in seinem Leben Extremen die Stirn geboten, von denen wir nur träumen können. Er hat sechsundzwanzig Raubüberfälle sowie den Kampf mit einem dreieinhalb Meter langen Python überlebt, hat sich in der Badehose und nur mit einem Messer ausgerüstet im brasilianischen Regenwald aussetzen lassen und ist nach 25 Tagen wieder in der „Zivilisation“ aufgetaucht. Deshalb wird auch seine Vision einer besseren Welt überleben.