Auszüge aus den Büchern von Achim


Sprehen Deutse

Impressionen von unterwegs - Leben und Erleben auf den Straßen dieser Welt


Albanien: Ein Händedruck sagt mehr als tausend Worte (8 Minuten)
Griechenland: Gründlich Festgefahren (7 Minuten)
Serbien: Einmal im Leben mit dem Motorrad nach Spanien (8 Minuten)
Utah: Upheaval Dome im Canyonlands Nationalpark (7 Minuten)
Arizona: Grand Canyon - Traumziel Horseshoe Mesa (5 Minuten)


Ein Händedruck sagt mehr als tausend Worte

aus Sprehen Deutse - Impressionen von unterwegs. (8 Minuten)

 

Wenn alle Mittelmeer-Länder etwas verbindet, dann sind es die tristen Gewerbe- und Industrie-Areale entlang der Hauptstraßen in den flachen Landschaften entlang der Küstenlinien. So gehört auch die Ebene um die albanische Hauptstadt Tirana herum nicht zu den landschaftlich reizvollsten Gebieten dieses schönen Landes. Auf dem Weg nach Süden hatte ich allerdings keine andere Wahl und musste diese Route unter die Räder nehmen. 

 

Dafür wurde ich aber mit Erlebnissen belohnt, die sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt haben. Bereits in Italien wird die Allgemeingültigkeit von Verkehrsregeln und Geschwindigkeitsbegrenzungen ja immer mehr aufgeweicht. So nimmt die Beschilderung mehr und mehr den Charakter von unverbindlichen Empfehlungen an, je weiter wir uns nach Süden bewegt. 

 

Gerechterweise muss aber gesagt werden, dass das Verhalten der Verkehrsteilnehmer auf albanischen Straßen besser ist als ihr Ruf. Da habe ich auf den Straßen von Montenegro waghalsigere Überholmanöver erlebt. Doch es wird einfach schneller, spontaner und für uns Nordlichter unberechenbarer gefahren, so dass ich mich auf dieser Straße mit ihrem hohen Verkehrsaufkommen so manches Mal wie im Wagenrennen von Ben Hur fühlte. 

 

Wie in allen Balkan-Ländern ist auch in Albanien die Polizei-Präsenz deutlich höher als bei uns. Erst recht auf Straßen wie diesen, wo Geschwindigkeitsbegrenzungen und Überholverbote weitgehend ignoriert werden. Also fanden auch alle paar Kilometer fleißig Kontrollen statt. Was dann so aussah, dass einzelne Fahrzeuge heraus gewunken und kontrolliert wurden, während der Rest fröhlich vorbeiraste. 

 

Eine Szene ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Einer der Möchtegern-Schuhmacher hat den Bogen dann wohl doch überspannt. Nachdem er mich schneidig und ziemlich knapp überholt hatte (ich war froh, dass mein linker Rückspiegel nicht hatte dran glauben müssen), zischte er auch mit ca. 30 km/h über dem Limit und zudem im Überholverbot noch an meinem Vordermann vorbei. Was einen der Polizisten am Straßenrand dazu veranlasste, wie wild mit seiner Kelle zu fuchteln, um ihn zu stoppen. Er aber winkte vergnügt zurück und gab erst recht Gas. Das Letzte, was ich im Rückspiegel sehen konnte, war ein Polizist, der seine Arme in einer hilflosen Geste gen Himmel reckte … 

 

Wie auch immer: nachdem ich mich erst einmal an den Fahrstil meiner Verkehrskameraden gewöhnt hatte, konnte ich ganz locker mithalten. Blieb mir ja auch gar nichts anderes übrig. Am Spätnachmittag begann ich dann, nach einer Übernachtungsmöglichkeit Ausschau zu halten. Bei einem Schild „Parku“ mit Baum-Symbol bog ich hoffnungsfroh ab. Mit etwas Glück würde ich dort bei 30 Grad sogar etwas Schatten finden. Nach sechs Kilometern Knüppeldamm mit den grössten, tiefsten und zahlreichsten Schlaglöchern die ich bis dahin in meinen fast fünfzig Jahren hinter dem Steuer erlebt hatte, war – natürlich – immer noch kein „Parku“ in Sicht. Stattdessen bescheidene Ansiedlungen, Felder, die noch nie grössere Maschinen gesehen hatten und die in Handarbeit bewirtschaftet wurden, Kanäle neben der „Straße“ voller Müll – mit anderen Worten: Armut so weit das Auge reichte. 

 

Natürlich halte ich bei der Suche nach Übernachtungsplätzen (in meiner Sprache nenne ich sie „Overnighter“ und die Mittagsrastplätze „Nooner“) die Augen offen. Aber entgegen der landläufigen Meinung, dass man in von Armut geprägten Gegenden besonders aufpassen müsste, da man hier eher mit Kriminalität rechnen müsse, habe ich dort noch nie negative Erfahrungen gemacht. Im Gegenteil: von den Segnungen der Zivilisation noch relativ „unverdorbene“ Menschen begegneten mir – in welchem Land auch immer – stets mit Freude und Respekt. 

 

So auch hier. Da ich es aufgegeben hatte, weiter nach dem „Parku“ Ausschau zu halten, war ich froh, neben einer Schotterstraße einen Platz im Baumschatten zu finden, auf dem ich die Nacht verbringen konnte. Erst mal meinen Stuhl neben das Auto gestellt, um mich nach dieser doch anstrengenden Fahrt aufseufzend auf ihm niederzulassen und mich nach dem stundelangen Verkehrslärm an der Ruhe auf dem Land zu erfreuen. 

 

Doch diese Ruhe sollte nicht lange währen. Denn jetzt begann die Zeit, in der das Tagwerk vollbracht war und alle von den umliegenden Feldern zurückkehrten und ihrem Zuhause zustrebten. Schon bald kam ich mir vor wie ein Potentat, der eine Parade abnahm. Nur von kurzen Pausen unterbrochen bewegte sich ein Strom von Menschen an mir vorbei. Fußgänger, die Kühe oder Ziegen hinter sich her zogen oder Schubkarren vor sich her schoben, alte Frauen mit Bündeln von Feuerholz auf dem Rücken, alte Männer mit Rucksäcken, die mit allem Möglichen gefüllt waren. Radfahrer auf wackeligen Drahteseln wechselten sich mit knatternden Mopeds mit oft dreifacher „Besetzung“ ab. Mit Menschen vollgestopfte und mit schwer beladenen Dachgepäckträgern versehene Rostlauben – gerne alte Mercedes Diesel – rollten ebenfalls vorbei. Und natürlich die unvermeidlichen Pickups mit Menschen, Tieren und Materialien aller Art auf der Ladefläche. Es wurde gegrüßt, gerufen, gewunken und gehupt. 

 

Den Vogel aber schoss ein zahnlückiger (um das Klischee „zahnlos“ zu vermeiden) alter Mann ab, der freudestrahlend die quietschenden Bremsen seines Uralt-Fahrrads betätigte, als er meiner ansichtig wurde. Nachdem er sein Veloziped sorgfältig abgestellt hatte, kam er mit lachendem Gesicht und ausgestreckten Händen auf mich zu, woraufhin ich mich rasch von meinem Stuhl erhob. Seinem Redeschwall konnte ich entnehmen, dass er wissen wollte, ob ich aus Germania sei. Nein, nein – ich sei aus Helvetia. „Bravo, Bravo“, war die Antwort – also noch besser! Als er interessiert einen Blick in mein rollendes Zuhause werfen wollte, zeigte ich ihm bereitwillig alles. Wobei großes Erstaunen darüber, dass es so etwas gibt, in seinen Augen stand. 

 

Nachdem er mir bedeutet hatte, dass er dort drüben Felder und Weiden hatte und in dem kleinen Dorf nebenan wohnen würde, ergriff er zum Abschied meine beiden Hände mit seinen von Erde und zum Glück mir Unbekanntem geschwärzten Händen und sagte mir noch etwas, was ich nicht verstand, was aber ganz offensichtlich von Wohlwollen geprägt war. Ein letzter Gruß und dann wackelte er von dannen. Da ich gerade im Begriff gewesen war, mein Nachtmahl einzunehmen, musste ich mir zu meinem Bedauern jetzt die Hände waschen. Denn dieser herzliche Händedruck hatte mehr als tausend Worte gesagt … 

 

Nach einer weiteren Nacht, in der ich meinen Wagen wie immer nicht abgeschlossen hatte, friedlich geschlafen und auch nicht ausgeraubt worden war, machte ich mich am nächsten Morgen wieder auf den Weg. 

 

Doch im Dorf machte ich noch bei einem kleinen Laden halt, da ich an diesem Ort – wenn ich hier schon hatte übernachten können – auch etwas Geld lassen wollte. Als ich eintrat, wurde ich von dem Besitzer und einigen Dörflern, die hier gerade ihren Morgenschwatz hielten, freundlich begrüsst. Ich deckte mich mit Gemüse ein und wollte dann noch einige Konserven erstehen, die sich auf einem Regal befanden, welches sich an der Rückwand des Verkaufsraums befand. Ohne zu bemerken, dass ich hier unbeabsichtigt eine Grenze überschritten hatte, klaubte ich einige Dosen und Gläser aus dem Regal. 

 

Da bemerkte ich, dass die eben noch angeregten Gespräche plötzlich verstummt waren. Als ich mich umdrehte, blickte ich in Gesichter, die gleichzeitig Erstaunen und Erheiterung widerspiegelten. Jetzt wurde mir bewusst, dass der in der Mitte des Raums platzierte Tresen auch die unsichtbare Grenze zum hinteren Teil des Raums darstellte welcher nicht zum „öffentlichen“ Bereich zählte. Peinlich, peinlich.    

 

Doch das nun ausbrechende Gelächter und die beruhigende Mimik und Gestik des Ladenbesitzers signalisierten, dass ich mir keine Sorgen machen müsse. Alles okay, no Problem. Ich rundete den Betrag auf dem Kassenzettel dann noch großzügig auf und verließ den Laden in der Gewissheit, dass in diesem gottverlassenen Nest ein Ausländer in etwa so selten auftaucht wie ein einäugiges Mondkalb und dass ich sicher zum Tagesgespräch geworden war. Keine schlechte Art, eine Spur zu hinterlassen, dachte ich und machte mich auf den sechs Kilometer langen mühseligen Schlagloch-Parcours zurück zur Hauptstraße.         

Fast menschenleere wilde Natur im Südosten Albaniens

Abendstimmung am Fluss Devoll, Albanien

Albanische Alpen, im Valbona Tal

Albanische Alpen, am Theti Pass

Gründlich festgefahren

aus Sprehen Deutse -  Impressionen  von unterwegs (7 Minuten)       

Eine meiner Lieblingsstrecken in Griechenland führt von Agrinio im Westen über das Pindos Gebirge in Zentralgriechenland nach Lamia an der Ostküste. Ich bin diese Strecke bereits mehrmals gefahren und werde sie sicher noch weitere Male unter die Räder nehmen, da sie mich jedes Mal aufs Neue fasziniert.

 

Von der Insel Lefkas kommend führt die Route über Amfilochia auf viel befahrener Straße nach Süden bis Agrinio. Danach wird es ruhiger, denn hier führt eine wenig frequentierte Strecke langsam höher und in die immer weniger besiedelten Berge hinauf. Das wahre Griechenland also. Da nehme ich dann auch mal Schlaglöcher und kurze Streckenabschnitte mit Schotterbelag in Kauf. 

 

Sobald man die geschäftigen Küstenebenen mit ihren unschönen, wahllos in die Gegend geklotzten Betonbauten hinter sich lässt und sich mit der Straße in die Höhe schraubt, wechselt nicht nur das Landschaftsbild, sondern auch die Vegetation. Jetzt wird es mehr und mehr alpin und im Winter liegt in den höheren Lagen reichlich Schnee, so dass z.B. in Karpenissi ganz im Inland Ski gelaufen werden kann. 

 

Doch als Erstes freue ich mich immer auf den auf ungefähr halber Strecke liegenden großen Kremaston Stausee, wenn ich über den ihn abgrenzenden Bergrücken komme und dieses großartige Panorama vor mir sehe. Danach führt die Strecke mit immer wieder wechselnden Ausblicken auf den See am Hang bergab, bis die Straße schließlich über die Episcopi Bridge geführt wird, um am gegenüber liegenden Ufer wieder an Höhe zu gewinnen.

Von jetzt ab wird es richtig einsam. Es gilt nun, einen Pass zu erklimmen, um den herum sich die Höhenzüge des Pindos Gebirges gruppieren. Von der Passhöhe aus kann man schon erste Blicke auf den Verlauf des Megdova Rivers unten im Tal werfen. Dieser war wie immer mein Ziel. Doch zuerst musste ich der gewundenen Straße bergab folgen, bei diesen Panoramen wie immer der pure Genuss. Nach zwei Tagen mit ausgiebigen Niederschlägen strahlte heute wieder die Sonne und ließ den Regen in Vergessenheit geraten. Genau das sollte mir wenig später zum Verhängnis werden.

 

Als ich die Talsohle erreicht hatte, war ich schon im Vorfreude-Modus. Denn ich wusste, dass ich nach der metallisch klappernden Überquerung des Megdova Rivers auf einer betagten Stahlbrücke vor der dort befindlichen kleinen Taverne nur noch rechts abzubiegen brauchte, um zu meinem direkt am Fluss im Baumschatten liegenden „Overnighter“ zu kommen.

 

Doch oh Schreck: auf „meinem“ Platz befand sich ein Haufen von Baumstämmen, Ästen und anderem Grünabfall und mein Stellplatz war somit blockiert. Mit Überraschungen dieser Art muss leider gerechnet werden, wenn man nach ein oder zwei Jahren an einem liebgewonnenen Platz wieder auftaucht. Vor meinem Erfahrungshintergrund wird die Hitliste hier von gelagerten Baumstämmen sowie von geparkten Baggern oder Planierraupen angeführt.

 

Nur kurz geärgert und dann nach einer Alternative Ausschau gehalten. Auf dem zu den weiter oben gelegenen Olivenhainen führenden steilen Weg konnte ich nicht stehen, und in dem kleinen Olivenhain gegenüber mochte ich ungefragt nicht übernachen, obwohl ich mit dessen Besitzer bei meinen zwei letzten Aufenthalten hier schon Bekanntschaft gemacht hatte. Doch dieser war weit und breit nicht zu sehen. Schade, denn dies hier war einer der seltenen „No-Lighter“, also ein Overnighter ganz ohne künstliches Licht und somit in der Nacht nur von Mond und Sternen beschienen.

 

Ich warf einen prüfenden Blick in einen der in den Uferwald hinein führenden Waldwege hinein und beschloss, das Wagnis einzugehen. Also flott hinein gefahren, nur um zu merken, dass ich hier schon nach wenigen Metern nicht mehr weiter kam und der Wagen auch nicht gerade stehen konnte. Ich verfluchte mich selber für meinen Leichtsinn, dass ich diesen Weg nicht wie gewohnt erst einmal zu Fuß abgegangen war. Doch jetzt war es zu spät und ich musste versuchen, mich bzw. meinen treuen Partner irgendwie aus dieser misslichen Lage zu befreien.

 

Dann machte ich einen zweiten schwerwiegenden Fehler. Wenn ich versucht hätte, mich rückwärtsfahrend aus der Falle zu befreien, hätte ich vielleicht noch eine Chance gehabt, da dann das Gewicht des Wagens auf den Vorderrädern gelegen hätte. Jetzt rächte es sich, dass ich über den Sonnenschein den vorherigen Regen vergessen hatte. Weil die oberste Schicht Laub schon getrocknet war, war mir entgangen, dass das Laub darunter nass und glitschig war – der berüchtigte Schmierseifen-Effekt, der ja in unseren Breiten im Herbst gerne auftritt, wenn nasses Laub die Straßen bedeckt.

 

Mich mittlerweile im Blindflug befindend, was die Beschaffenheit des Bodens betraf, setzte ich zu einem waghalsigen Wendemanöver auf diesem schmalen, auf beiden Seiten von kleinen Erdwällen begrenzten Weg an. Einmal zackig zurückgesetzt und dann mit voll eingeschlagener Lenkung vorwärts sollte eigentlich reichen. Dachte ich. Zackig zurücksetzen funktionierte ja noch, doch dann war Feierabend. Mit durchdrehenden Reifen hatte ich mich halb schräg zwischen den beiden links und rechts befindlichen Erdwällen eingeklemmt und mich nach allen Regeln der Kunst und endgültig festgefahren.

Ich stieg wie betäubt aus dem Auto und hätte mich fast auf den Hintern gesetzt, weil ich auf dem nassen Laub beinahe ausgerutscht wäre. Das dieser Situation zugehörige und nun ungebremst in mir aufsteigende Gefühl war dann auch vom Allerfeinsten. Nachdem mir dämmerte, was ich da angerichtet hatte, wäre ich vor Scham am liebsten im Erdboden versunken oder hätte mich unauffällig unter dem Laub verkrochen und auf die gute Fee gewartet, die mit einem Winken ihres Zauberstabs alles wieder zum Guten gewendet hätte. Dass ich mit diesem schwachsinnigen Manöver mal wieder ein Beispiel dafür geliefert hatte, zu welch unglaublicher Blödheit ein einzelner Mensch fähig ist, war mir nicht wirklich ein Trost.

 

Zudem kam ich nicht darum herum, mir irgendwie Hilfe zu holen, wenn ich meinen Wagen wieder flott bekommen wollte. Also den Rücken und den Geist gerade gemacht und den Himmel um Hilfe anflehend zurück nach vorne an die Straße getapert. Hier würde jetzt der Klischee-Spruch von den „längsten einhundert Metern meines Lebens“ passen, aber lassen wir das.

Ich nahm all meinen Mut zusammen und schilderte in der Taverne meine Lage. Kein Problem, wurde mir vom Wirt beschieden. Man griff sich eine Schaufel und im Schlepptau von zwei kräftigen Männern ging es in deren Pickup zurück zur „Unfallstelle“. Ausgraben funktionierte nicht, Abschleppen war auch keine Option, da das Seil sich in einem zu spitzen Winkel befunden hätte. Nach intensivem Kopfkratzen und einem lautstarken Palaver auf Griechisch machte man mich mit dem Ergebnis der Beratung bekannt: ich sollte beim Wagen warten, sie würden zur Taverne zurückfahren und ein paar Jungs mobilisieren, damit wir mein havariertes Fahrzeug gemeinsam auf den Weg zurückschieben könnten.

 

Nun gut, mir war in meinem desolaten Zustand alles recht. Und siehe da: es waren nur wenig mehr als zehn Minuten vergangen, als Hilfe nahte. Jedoch nicht in der Gestalt von zarten Engeln oder Zauberstab schwingenden Feen, sondern in der Form von vier kraftstrotzenden Burschen vom Typ „Wo steht das Klavier?“, welche allesamt mit ihrer Statur einen soliden, breitschultrigen Schatten warfen und denen der Tatendrang ins Gesicht geschrieben stand, als sie sich mit wuchtigen Schritten näherten. Täuschte ich mich, oder erzitterte der Waldboden tatsächlich unter ihren Füßen?

 

Nach dem Prinzip „Vier Mann, vier Ecken“ nahmen sie sich meines Partners an und machten sich mit wilder Entschlossenheit an die Arbeit. Nachdem Schieben allein nicht funktionierte, wuchtete sich eines der Kraftpakete hinters Steuer und ließ den Motor aufheulen. Zwei drückten vorne auf die Motorhaube, um das Durchdrehen der Reifen zu verringern, der Rest von uns gab bei geschwollenen Stirnadern von hinten Anschub. Und tatsächlich: die Kupplung hatte zwar ein kleines Qualmwölkchen abgesondert, aber mein Partner stand nun wieder in Fahrtrichtung und wurde mit Vollgas auf den Weg zurück gelenkt.

Heiterkeit und Daumen hoch allerseits, gegenseitiges Schulterklopfen, die erdschwarzen Hände wurden an den Hosenbeinen abgewischt. Geld wollten sie natürlich keines, auch die Einladung zu einer Runde mit Getränken nach ihren Wünschen lehnten sie ab. Das sei Ehrensache, zu helfen, meinten sie. Und außerdem hätten sie das gerne gemacht. Was ich ihnen aufs Wort glaubte. Denn hier im relativ ereignisarmen Hinterland war eine Abwechslung immer willkommen. Und außerdem hatte man nicht nur seine tägliche gute Tat getan, sondern eine kleine Heldentat vollbracht. Immerhin konnte ich in der Taverne noch ein wenig Umsatz mit einem guten Essen machen und ein reichliches Trinkgeld 

liegen lassen. Meine Erleichterung kannte keine Grenzen und ich schwor einen heiligen Eid, in Zukunft noch mehr Vorsicht walten zu lassen.

 

PS: am Abend kam dann auch der Besitzer des Olivenhains mit ein paar seiner Ziegen vorbei. Ja klar könnte ich auf seinem Grundstück stehen, no Problem, Kali Nichta. Was für ein Tag! Was für ein Leben!

Durch das Pindos Gebirge

nach Karpenissi, Zentral Griechenland

Blick auf den Kremaston Stausee

Blick von der Brücke über des See nach Osten

Hinunter zum Megdova Fluss

und über die alte Metallbrücke

Blick vom Overnighter auf den Fluss und die Brücke

Nach solch einem Tag schmeckt es doppelt gut

Einmal im Leben mit dem Motorrad nach Spanien

aus Sprehen Deutse - Impressionen von unterwegs (8 Minuten)


Frisch geduscht und doch nicht sauber

Durch Serbien bin ich immer nur durchgefahren. Da jedoch Serben, denen ich unterwegs begegnet war, mir immer wieder von der Schönheit ihres Landes vorgeschwärmt hatten, wollte ich es nun wissen. Wie immer machte ich mich daran, auf Nebenstraßen das Hinterland des Inlands zu erkunden. Denn ich liebe das Ursprüngliche und die möglichst noch intakte Natur sowieso. 

Auf der Autobahn um Belgrad herum war wie zu erwarten viel Verkehr. Hinter der Stadt Nis nochmal getankt und dann auf die Landstraße nach Zajecar abgebogen. Jetzt ging es durch wunderschönes hügeliges Hinterland auf wenig befahrenen Straßen gen Norden, so dass ich die Fahrt genießen konnte. Doch nach einem Stündchen flotter Fahrt war es mit dem Genuss vorbei, denn die bis dahin gut ausgebaute Straße ging, je dünner besiedelt es wurde, in eine extrem hoppelige Piste über. Kaum Schlaglöcher, aber die Straße war ein einziger Flickenteppich und total uneben. Ermüdend und Schwerarbeit für meinen Gleichgewichtssinn! Zum Glück fand ich nach einigem Suchen einen Platz mit etwas Baumschatten für die Mittagspause. Ich merkte, dass es in diesem Land generell schwer war, Stellplätze zu finden und ich begann mich nach Griechenlands Olivenhainen und Kiefernwäldern zu sehnen. 

 

Weiter ging es Richtung Donau. Die Beschilderung war rudimentär, aber gerade noch ausreichend. Am frühen Nachmittag erblickte ich erstmals die hier durch Staustufen unglaublich breite Donau. Das andere Ufer gehörte bereits zu Rumänien. Ich winkte schon mal hinüber, denn ich hatte vor, nach meiner Runde in Serbien diesem Land, und dort vor allem den Karpaten, einen Besuch abzustatten. 

 

Doch jetzt lag erst einmal der Taldurchbruch der Donau, die sogenannte „Eiserne Pforte“, vor mir und ich freute mich schon darauf, einige schöne Fotos von diesem Naturwunder machen zu können. Doch der Mensch denkt und Petrus lenkt, bzw. war er der Meinung, dass just in diesem Augenblick ein kräftiges Gewitter nicht schaden könnte, was meine Fotopläne weitgehend zunichte machte. 

 

Doch als Trost wurde mir ein kleines Erlebnis der Extraklasse zuteil, bei dessen Gestaltung Petrus ebenfalls seine Finger im Spiel hatte, da die heftigen Regenfälle große Pfützen auf den Straßen hinterlassen hatten. Nichts Böses ahnend ging ich an einer Parkbucht einem dringenden Bedürfnis nach, vielleicht auch, um Petrus auf diesem Level ein wenig Paroli zu bieten. 

 

Während ich mich einem wohligen Gefühl der Erleichterung hingab, näherte sich ein Lastwagen in voller Fahrt. Ganz in meine Beschäftigung vertieft, war mir leider entgangen, dass sich hinter meinem Rücken eine dieser großen Pfützen befand. Und dann ging wie immer in solchen Fällen alles ganz schnell. Der Laster donnerte an mir vorbei und pflügte dabei wie ein Ozeandampfer durch die auf der Straße gestauten Wassermassen. Diese folgten ebenso folgerichtig wie gnadenlos den physikalischen Gesetzmässigkeiten der Verdrängung und erhoben sich zuerst in die Lüfte, um sich danach auf meiner Wenigkeit niederzulassen. 

 
Es gibt Momente im Leben, in denen „Fassungslosigkeit“ der einzige Begriff ist, um eine komplexe Gefühlslage wie jene zu beschreiben, mit der ich mich in diesen Sekunden auseinandersetzen musste. In dem Augenblick, in dem dieser unerwartete Segen auf mir niederging, kam mir noch nicht einmal der Spruch von im falschen Moment am falschen Ort  zu sein in den Sinn, sondern nur das simple und doch so zutreffende Wort „Scheiße!“ Man möge mir verzeih’n.     

 

Dabei war das Schicksal – wenn man so will – noch einigermaßen gnädig mit mir verfahren, denn ich war nur von hinten nass geworden, das allerdings gründlich. Denn da war nicht nur Wasser auf mich hernieder geregnet, sondern auch der auf der Straße befindliche Sand, was zu einer soliden Dreckschicht geführt hatte. Von Kopf bis Fuß durchnässt, blieb mir nichts anderes übrig, als an Ort und Stelle die Klamotten zu wechseln, mich notdürftig zu säubern und mir die Haare zu waschen. Kinder, ist das Leben schön!    


Egal, tief durchgeatmet und weitergefahren. Und diesmal hatte ich mehr Glück. Nach kurzer Suche fand ich einen der seltenen auf der Karte verzeichneten Campingplätze. Meine Gebete wurden erhört, man hatte bereits geöffnet (es war ja noch Vorsaison und ein Hotel hatte mich deshalb schon abgewiesen) und man sprach ein passables Englisch. Ein sympathischer junger Mann namens Goran zeigte mir wo ich stehen konnte, erklärte mir das Übliche und verwies mich, da es schon auf 20.00 Uhr zuging, an ein geöffnetes kleines Restaurant nebenan, in welchem ich preiswert und gut würde essen können. 

 

Frohgemut schwang ich mich als fast einziger Gast hinter einen der Tische und studierte erwartungsvoll die Speisekarte. Selbige war wie die aus den Lautsprechern serbelnde Techno-Musik von serbischer Art, was die Auswahl einer passenden Speise nicht gerade erleichterte. Der junge Kellner sprach naturgemäß fließend Serbisch, war aber nicht in der Lage, mir die Bezeichnungen der Speisen ins Englische zu übersetzen. Nun war guter Rat teuer, da es sich ja auch noch um kyrillische Schrift handelte. Diese war zwar in der sich darunter befindlichen Zeile in lateinische Buchstaben transponiert, was mir aber auch keine große Hilfe war.

 

Wohl wissend, dass ich als überwiegend vegetarisch lebender Mensch in diesem Land mit seiner fleischbetonten Küche ein Exot war, machte ich mich darauf gefasst, heute etwas zwischen die Zähne zu bekommen, was in den Anzeigen der Fleischindustrie vor einigen Jahren einmal mit dem schönen Slogan „Fleisch, ein Stück Lebenskraft“ beworben worden war. Da stach mir ein Wort ins Auge, welches in einigermaßen entziffern konnte: Biftek. Das könnte doch etwas sein! Kam mir jedenfalls irgendwie bekannt vor. Also mutig bestellt und dann harrte ich der Dinge, die da auf mich zukommen sollten. Nach der unfreiwilligen Dusche am Straßenrand konnte es eigentlich nur noch besser werden!

 

Nur wenig später wurde mir wie zu erwarten ein grosser Brocken Fleisch mit Beilagen serviert. Da dämmerte es mir: mit „Biftek“ war – wen wundert‘s – „Beefsteak“ gemeint! Auf meine gute Gesundheit und meinen robusten Magen vertrauend, nahm ich den Wunsch „Enjoy your meal“ huldvoll entgegen, bedankte mich indianermäßig bei dem Büffel, der sich mir hier als Speise andiente und machte mich an die Bewältigung dieses Stück Fleischs, das in etwa meiner Monatsration an nichtvegetarischen Lebensmitteln entsprach. Doch es ging gut aus, nach der langen Fahrt übermannte mich bald eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nur zu gerne überließ.   

Vom Traum eines Campingg-Platzwartes in Serbien     

 

Den nächsten Tag, an dem Petrus sich nach seinen gestrigen Exzessen glücklicherweise in vornehmer Zurückhaltung übte, verbrachte ich mit Aufräumen, dem Waschen meiner Wäsche und dem weiteren Planen meiner Reise. Auch für einen Spaziergang entlang des kleinen Sees, an dem der Campingplatz lag, blieb noch Zeit.

 

Tags darauf trabte ich nach vorne zur Rezeption, um mich mit Hilfe des freundlichen Platzwartes Goran und seines Computers über das Wetter schlau zu machen. Denn ich wollte ja weiter nach Rumnänien. Doch es zeigte sich nach dem Check diverser Wetterplattformen, dass ich ganz schlechte Karten hatte. Für ganz Rumänien war für die gesamte nächste Woche permanent Regen und Gewitter angesagt. Das Gleiche galt für Serbien. Lediglich an der Küste Kroatiens sah es besser aus. Dieses schöne Land war zwar für dieses Mal nicht meine Wunsch-Destination, aber letztendlich hatte ich keine Wahl. 

Mittlerweile dräuten am Himmel schon wieder dunkle Wolken, die sich alsbald in einem heftigen Gewitter entluden, dem ein ausgiebige Runde Regen folgte. So saß ich in der Rezeption fest, da ich weder Schirm noch Regenjacke mitgenommen hatte. Das erwies sich aber nicht als Nachteil, da ich durch diesen Umstand für ein Stündchen eine Lektion in serbischer Zeitgeschichte erhielt.      

 

Goran und ich kamen über den Einstieg von woher und wohin auf unsere Herkunft und entdeckten, dass wir Gemeinsamkeiten in unseren Lebensläufen hatten. Ich lebte als Deutscher in der Schweiz und er als Serbe nun wieder in seinem Heimatland. Denn geboren war er in Kroatien, wo seine Familie als Angehörige der serbischen Minderheit gelebt hatte. Die Eltern hatten Arbeit, man besaß ein kleines Häuschen mit einem großen Garten zur Selbstversorgung und konnte sich über ein bescheidenes, aber ausreichendes Einkommen freuen. Das Zusammenleben mit den kroatischen Nachbarn gestaltete sich problemlos und friedlich, auch wenn diese Katholiken waren, während man selber der Serbisch Orthodoxen Kirche angehörte.

 

Das änderte sich schlagartig bei Ausbruch des Jugoslawien-Krieges. Nach immer stärker werdenden Repressalien gipfelten die ihnen entgegen gebrachten Feindseligkeiten schließlich darin, dass sie des Landes verwiesen wurden und all ihren Besitz zurücklassen mussten. So stand die Familie plötzlich vor dem Nichts und nur der Umstand, dass sie von Familienangehörigen in Serbien aufgenommen wurden, bewahrte sie vor Schlimmerem.      

 

Doch vorher hatten sie noch eine kleine Irrfahrt hinter sich gebracht, welche sie zu anderen Verwandten in München führte, wo sie aber nicht bleiben konnten. Auch in Österreich machte die Familien-Karawane für einige Monate halt, doch auch hier wurde ihnen kein Aufenthalt gewährt. Goran hatte sich aus dieser Zeit aber immerhin einige Deutschkenntnisse erhalten können.

 

Jetzt, mit Anfang Dreißig, hatte er für sich, seine Frau und seine kleine Tochter eine bescheidene Existenz aufbauen können und war mit seinem Leben weitgehend zufrieden. Aber natürlich waren ihm die Aufkleber an der Heckklappe meines Autos nicht entgangen und so fragte er mich, wo ich denn schon so gewesen wäre. Um die zwischen uns bestehende Kluft, was das Reisen betraf, nicht noch größer werden zu lassen, berichtete ich daraufhin vorsichtig und in Auszügen von meinen Streifzügen durch die Länder dieser Welt.

 

Doch meine Befürchtung, bei ihm Mangelgefühle oder Neid hervorzurufen, erwies sich als unbegründet. Er hörte mir begeistert zu und es war ihm anzumerken, dass er im Geiste mitreiste. Schließlich wagte ich es, ihm von meinen zahlreichen Amerika-Reisen sowie meiner einjährigen Weltreise zu erzählen. Er war fasziniert und seine Augen glühten im Reisefieber. Daraufhin erzählte er mir, dass er sich im letzten Jahr ein altes Motorrad gekauft hatte, dass er mit Hilfe eines Monteur-Freundes wieder fit gemacht hatte. Auf einigen kleineren Touren hatte er seinem Fernweh schon etwas Linderung verschaffen können. 

 

Und dann fingen seine Augen an zu glänzen, als er mich an seinem großen Traum teilhaben ließ: einmal mit dem Motorrad um das Mittelmer herum, durch Italien und Frankreich hindurch, hinüber nach Spanien. Denn das war das Land seiner Sehnsüchte, obwohl er gar nicht so genau wusste, warum. Wie ich diese Gefühle kannte! Obwohl mich Spanien nie besonders angezogen hatte, war es nun an mir, begeistert seinen Visionen zu lauschen, die er so großzügig mit mir teilte. Natürlich wünschte ich ihm von Herzen, dass dieser Traum eines Tages, wenn möglich schon in naher Zukunft, in Erfüllung gehen würde. Als nur ein Jahr später das Reisen unverhofft beschwerlicher wurde, musste ich sofort an ihn denken. Doch mehr, als ihm meine guten Gedanken zu schicken, konnte ich für ihn nicht tun.     

 

Als ich am nächsten Morgen meinen Weg fortsetzte, schieden wir in Freundschaft und in dem Bewusstsein, im Anderen einen Seelenverwandten gefunden zu haben.

Erstmals kommt die Donau in Sicht

die sich bald zu einem großen Stausee weitet

Donau an der Eisernen Pforte

Srbreno See am Graditse Camping

Upheaval Dome im Canyonlands Nationalpark

Unterwegs auf dem Syncline Loop Trail im Needles District
Länge 14 km, Abstieg in den Krater 460 Höhenmeter, Dauer 5-7 Stunden

aus Sprehen Deutse - Impressionen von unterwegs (7 Minuten) 

 

Der Upheaval Dome (= Hebungskuppe) im Canyonlands Nationalpark in Utah beeindruckt durch seine Dimensionen. Vor dem Betrachtet liegt ein unförmiger Krater von bis zu 4 Kilometern Durchmesser und 460 Meter Tiefe. Während früher angenommen dass dieser 170 Millionen Jahre alte Krater durch die Verformungen von Salz- und Sandsteinschichten entstanden ist, ist man heute sicher, dass ein Meteoriteneinschlag zur Entstehung führte. Nur die Auswerfungen in der Mitte stammen vermutlich durch tiefer liegende Salzschichten.  (Quelle: Angelika Czepan, Abenteuer USA, Süd-Utah)

 

Da ich wie immer auf meinen Reisen ziemlich viel auf dem Programm hatte, wollte ich am Upheaval Dome lediglich eine kleine Nostalgiewanderung auf dem 1,6 km langen Crater View Trail machen, den ich vor Jahren schon einmal gegangen war. Ansonsten wollte ich mir eine Pause gönnen. Doch trotz der frühen Vormittagsstunde drängten sich hier schon die Touristen. Entnervt drehte ich ab und dachte mir nun gut, dann gehst du halt einen Teil vom Syncline Loop. Dieser war so schön wie erwartet und ich machte meinen Frieden mit der Situation. Nach vielleicht zwanzig Minuten stand ich dann an der Abbruchkante des Rims, wo der Trail zur Talsohle hinunter führte. Sollte ich …? 

 

Just in diesem Moment kam ein US-Hiker vorbei. Ich fragte ihn, ob er den gesamten Loop gehen wollte. „Sure!“ warf er mir großspurig seine Antwort hin und eilte davon. Das hatte gesessen! Na warte, dachte ich, was du kannst, kann ich schon lange! Wie fortgeblasen war alle Müdigkeit. Nun hielten mich auch die 14 Kilometer Roundtrip, die 460 Höhenmeter sowie meine mittlerweile sechzig Lenze nicht mehr auf! Ich hatte noch eine volle Wasserflasche und wie immer ein Not-Picknick (für alle Fälle) dabei. Also los! Diese Entscheidung sollte ich nicht bereuen. Es war ein langer und anstrengender Hike, doch ich wurde mit Naturerlebnissen der Extraklasse belohnt.

 

Der Vorteil von diesen längeren Hikes im Hinterland ist die Tatsache, dass die Länge des Weges und die meist damit verbundenen Anstrengungen die Anzahl der Wanderer deutlich reduziert. Was zur Folge hat, dass ein Naturliebhaber wie ich meist ungestört den Frieden in der Natur genießen kann. Zumal ich mir des Privilegs bewusst bin, die Möglichkeit zu haben, in einer derartig gigantischen Landschaft laufen zu können. Ich komme mir dann immer ganz winzig vor. Sowohl im Größenvergleich als auch mit der relativen Kürze unseres Erdenlebens als fünf-fingerige Menschen, wie die Navajos sich selbst und uns zu beschreiben versuchen. („We are all five-fingered Humans“)  Demzufolge habe ich im Südwesten viel über Demut gelernt.

 

Also machte ich mich an den Abstieg. Schön vorsichtig natürlich, da ich als Alleinwanderer bei einem wie auch immer gearteten Unfall ganz schlechte Karten gehabt hätte. Damit mir tendenziellem Traumtänzer nichts passiert, habe ich über die Jahre eine nützliche Methode entwickelt: meine Aufmerksamkeit immer auf die nächsten zehn bis zwanzig Meter auf des Wegs, auf seine  Beschaffenheit oder mögliche Gefahrenquellen (z.B. Stolpersteine oder Klapperschlangen) zu richten. Wenn ich mich dann umschauen will, mache ich lieber einen kleinen Stopp um den Hans-guck-in-die-Luft in mir zufriedenzustellen. Auf diese Weise habe ich bis auf ganz wenige Ausnahmen alle potenziell „gefährlichen“ Wanderungen heil überstanden.

 

Ausserdem tauche ich auf Wanderungen wie diesen in spirituelle Räume ein, die mich in meinem tiefsten Innern berühren. Auf einem Weg wie dem Syncline Loop Trail steht nichts, aber auch gar nicht zwischen mir und der Schöpfung. Zu erkennen, dass wir eins mit allem sind, wird hier zur erlebten Wirklichkeit. Auch die mittlerweile abgedroschene Weisheit, dass der Weg das Ziel ist, findet hier wieder zu seiner ursprünglichen inhaltlichen Bedeutung zurück. Ich war im Sinne des Wortes ergriffen von der Erhabenheit der Natur. Und mit jedem Schritt, der mich zur Talsohle hinunter führte, konnte ich mehr zulassen, dass das Große Ganze, repräsentiert von all der Großartigkeit um mich herum, von mir wortwörtlich Besitz ergriff. 

 

Als ich unten angekommen war, konnte ich ganz deutlich fühlen, wie sehr sich meine Empfindungen, hier unten im Bauch von Mutter Erde, von denen oben am Rim unterschieden. Was mich immer wieder am Alleinsein in der Natur überwältigt, ist das Gefühl, dass all das ganz alleine für mich da ist. Hinzu kommt noch der Eindruck, dass das Ewige, dass diesen Millionen Jahre alten Felsformationen innewohnt, nur auf diesen Augenblick gewartet hat, um sich mir offenbaren zu können. Nach einer kurzen Rast, in der ich diese Gefühle auf mich wirken ließ, setzte ich meinen Weg fort.

 

Da ich weit und breit keinen Schatten fand, blieb mir nichts anderes übrig, als mich an den Aufstieg zu machen. Vorher konnte ich mich jedoch in einem hier überraschenderweise fließenden Bach frisch machen. Doch dann ging es los. Teils moderat bergauf gehend, teils aber auch über Stock und Stein führend, verlangte mir der Trail einiges ab. An einer Stelle musste ich sogar durch die Felsbrocken eines Felssturzes hindurch kriechen. Einige der Lücken waren dabei so eng, dass ich meinen Rucksack abziehen und vor mir her schieben musste. Aber dann war auch das geschafft. 

 

Schließlich fand ich endlich eine kleine Gruppe von Kiefern, die mir Schatten bot. Ich verzehrte genüsslich mein kleines Picknick und leerte den Rest meiner Wasserflasche. Nachdem ich dann noch ein halbes Stündchen auf dem hier zum Glück sandigen Boden vor mich hin gedämmert hatte, war ich wieder einigermaßen bei Kräften. Von jetzt an hielt sich die Anstrengung in Grenzen, der Weg stieg nur noch moderat an und ein kleines Lüftchen verschaffte etwas Abkühlung. Doch die letzten zwei, drei Kilometer schienen kein Ende zu nehmen. Wie war ich froh, als ich endlich wieder an meinem Auto angekommen war!

 

Nun hatte ich es eilig, zum Horsethief Campground  zurückzufahren. Dort angekommen, verkrümelte ich mich mit einer Gallone Wasser (3,8 Liter) hinter den Kiefern meiner Campsite (aus diesem Grund nehme ich wenn irgend möglich einen Stellplatz am Rand) um eine erquickende Dusche zu nehmen. Danach und in ein frisches T-Shirt gewandet war die Welt wieder in Ordnung. Flugs eine kleine Mahlzeit gekocht, um den knurrenden Magen zu beruhigen und dann alle Viere von mir gestreckt. Was für ein Tag! Und dabei wollte ich es heute eigentlich ruhig angehen lassen …

 

Als die Landschaft um mich herum sowie meine Wenigkeit später dann von einem bilderbuchmäßigen Sonnenuntergang vergoldet wurde, hing ich meinen Gedanken nach. Da hatte Mutter Erde geduldig 170 Millionen Jahre auf eine kleine Ameise wie mich gewartet, die heute durch diesen Krater gekrabbelt ist. Was würde in weiteren 170 Millionen Jahren sein? Würde Mutter Erde dann immer noch um unser Zentralgestirn kreisen? Würden dann immer noch Menschen staunend dieses Naturwunder durchwandern? Ich wusste es nicht, aber das war letzten Endes auch gar nicht so wichtig. 

Der Panorama-Blick von oben in das 1,4 km bis 4 km  messende Kraterrund des Upheaval Dome ist zugleich ein Blick in die Erdgeschichte.

Atemberaubender Ausblick kurz vor dem Abstieg, der mich 460 Höhenmeter vom Rand bis zum Talboden des Kraters hinunter führen wird.

Blick von unten auf die sich in den Himmel erhebenden Ränder des Kraters. Nur wenige Minuten später stoße ich auf den hier fließenden Bach.

Blick zurück im Taleinschnitt auf dem letzten Drittel des Aufstiegs. Wie gut zu sehen ist, geht der Trail auch hier wie die meiste Zeit über Stock und Stein

Grand Canyon - Traumziel Horseshoe Mesa

Aus Sprehen Deutse - impressionen von unterwegs (5 Minuten)


Das Wort Mesa kommt aus dem Spanischen und bedeutet Tisch oder Tafel. Im Südwesten werden mit Mesa die durch Erosion geformten flachen Tafelberge bezeichnet.

 

Beim Abstieg zur Horseshoe Mesa („nur“ 830 Höhenmeter auf acht Kilometer Länge) erwies sich neben dem oftmals schmalen und steilen Grandview Trail  als zusätzliche Belastung, dass ich (beim Abstieg) alleine sechs Kilogramm an Wasser mitschleppen musste, da unten auf der Horsehoe Mesa kein Wasser verfügbar ist. Dazu hatte ich neben den Iso- und Thermarest-Matten sowie dem Schlafsack noch mein kleines Zelt im Gepäck. Dies nicht nur aus Temperaturgründen, sondern auch um mich vor dem zu schützen, was dort nachtaktiv so alles kreucht und fleucht. War ich bei den beiden Wanderungen hinunter zum Colorado noch mit meinem kleinen „Daypack“ ausgekommen, musste ich jetzt den großen Reise-Rucksack packen. Alles in allem ein „Ausflug“, der doch einige logistische Vorarbeit erforderte. Wenn ich z.B. die Taschenlampe vergessen würde, wäre das nicht so witzig.

 

Da der Wetterbericht nur Sonne vorhergesagt hatte, machte ich mit dem mir eigenen Vertrauen in die Existenz am Vormittag noch einen Ausflug zum West Rim Drive, der nur mit Shuttle-Bussen befahren wird. Dort lief ich dann auf dem West Rim Trail einige Aussichtspunkte ab und wollte dann am Bus-Stop The Abyss in den Bus zurück zum Bright Angel Point springen. Dort durfte allerdings ich die Erfahrung machen, dass an dieser Haltestelle nur Busse zum Endpunkt Hermits Rest abfuhren. Na klasse! Also hurtig noch bis zum Pima Point gelaufen und von dort den Bus zurück genommen. Aus diesem Grund war ich erst um 12:15 Uhr wieder auf dem Ten X Campground etwas außerhalb des Parks angekommen. Mein schöner Zeitplan war damit den Bach runtergegangen. Statt in Ruhe musste ich nun zügig packen. Aber die Zeit reichte dennoch für ein Picknick mit Verdauungsschlaf. Anschließend waren zwar Wolken aufgezogen, was aber für eine anstrengende Wanderung nicht unbedingt von Nachteil war.    

 

Also startete ich 15:35 Uhr guten Mutes am Grandview Point. Der Weg hinunter, der Grand View Trail, stellt sich als noch steiler, felsiger und vor allem weiter heraus, als ich ihn in Erinnerung hatte. Zu der Zeit noch ohne Wanderstöcke unterwegs, wankte ich mit ungefähr 18 Kilogramm auf dem Buckel über immer wieder hohe Stufen langsam bergab. Mir wurde schon schlecht, wenn ich an den Wiederaufstieg bloß dachte. Würde ich das schaffen?

 

Um 16:00 Uhr legte ich am Upper Coconino Saddle eine Pause von fünfzehn Minuten ein – einerseits, um mich ein wenig zu erholen, andererseits um mir selber Mut zu machen. Noch würde ich umkehren können, doch ich ging weiter. Die grandiose Natur rings um mich herum tat ein Übriges, mich positiv zu motivieren. Also wankte ich weiter. Um 16:45 Uhr musste ich am Lower Coconino Saddle eine weitere Pause einlegen: ich war jetzt schon fix und fertig und erinnerte mich daran, dass ich mich hier immerhin auf 2000 Meter über Meer bewegte. Immerhin ging es jetzt mit nur noch leichtem Gefälle am Saddle entlang, wobei das Ziel meiner Sehnsucht langsam in Sicht kam! Mit schmerzenden Beinmuskeln erreichte ich um 17:55 Uhr endlich den Primitive Campground der Horseshoe Mesa. (Primitive aus dem Grund, weil es hier kein Wasser gab, nur einige mit Steinen markierte Stellplätze und ein Kompost-Freiluft-WC. Wer auf demselben thronte, konnte –  während er seinen Körperfunktionen freien Lauf ließ –  ein fantastisches Panorama genießen.) 

 

Um 19:00 Uhr war es mit vierundzwanzig Grad immer noch angenehm warm. Nur als ich gerade mein Zelt aufbaute, kam eine weitere Regenfront des Wegs und schickte heftige Windböen. Doch auch diese Wolken zogen zum Glück vorbei und es blieb trocken. Ich genoss die Stimmung an diesem einmaligen Ort und fühlte mich rund und satt und beschützt an diesem wunderschönen Platz mitten im Bauch von Mutter Erde. Als später dann noch ein mystischer Halbmond hinter Schleierwolken leuchtete, war das Glück vollkommen. Und ich war von tiefer Dankbarkeit erfüllt, weil ich mir diesen Traum erfüllen konnte.

 

Am nächsten Morgen erwachte ich wie gewünscht um 3:30 Uhr, baute mein Zelt im Licht der Stirnlampe ab und packte meinen Rucksack. All das mit schmerzendem Herz: ich musste mich losreißen von diesem Platz und auch das loslassen, was mich hier festhalten wollte. Also lief ich um 4:10 Uhr bei achtzehn Grad und Windstille noch im Licht meiner Stirnlampe los. Der Canyon um mich herum schimmerte in tiefen Blautönen und einem unwirklichen Violett während am Himmel das Morgenrot erglühte. Um 5:10 Uhr machte ich eine Pause am Lower Coconino Saddle und ließ die weihevolle Stimmung auf mich wirken. Danach begann der Weg zu steigen, das Rim kam langsam näher. Doch es ging erstaunlich gut, ich hatte eben weniger Gewicht zu tragen, da ich kein Essen mehr und weniger Wasser im Rucksack hatte.

 

Und dann trat ich fast auf die „obligatorische“ Klapperschlange, die mitten auf dem Weg lag und die ich gerade noch fotografieren konnte, als sie flüchtete. Es ging weiter stetig und steil bergauf, doch ich staunte, wie leicht mir der Aufstieg fiel. Und dann stand ich um punkt 8:00 Uhr wieder oben am Rim. Wie gut, dass ich gestern meinen Zweifeln nicht nachgegeben hatte und mir dadurch dieses einmalige und unvergessliche Erlebnis geschenkt wurde …                  

Blick vom Southrim auf die Horseshoe Mesa in der Bildmitte. Die Hufeisenform des Tafelbergs ist deutlich zu erkennen.

Der gut ausgebaute, im oberen Teil aber oftmals schmale und steile Grandview Trail  trägt seinen Namen nach meinem Empfinden zu Recht.

Am Upper Coconino Saddle ist ein Blick in einen Seitencanyon möglich.

Von dort aus geht es weiter hinunter zum Lower Coconino Saddle.

Das steilste Wegstück mit seinen manchmal hohen Stufen liegt  nun hinter mir.

Jetz führt der Weg es nur noch moderat bergab und am Hang entlang.

Blick von meiner Campsite hinein in den Grand Canyon in Richtung Westen.

Geschafft! Diese Campsite gefällt mir von allen fünf  zur Vefügung stehenden Stellplätzen am besten.

Nachdem ich mein Zelt aufgebaut habe mache ich noch einen kleinen Rundgang über den Primitive Campground. Blickrichtung zurück zum Southrim.

Anschließend genieße ich die friedliche Abendstimmung. Dass ich an diesem großartigen Platz ganz alleine sein darf, empfinde ich als ein großes Geschenk!

Dieser Brother Rattler, wie ein Schamane Klapperschlangen einmal genannt hat, flüchtet sofort als ich ihm unbeabsichtigt bis auf zwei Meter nahegekommen bin.

Die Morgenstimmung beim Aufstieg ist genauso magisch wie die Abendstimmung. Morning has broken like the first morning, blackbird has spoken like the first bird ...