Auszüge aus den Büchern von Achim

Das Kreuz mit der Spiritualität


Kindheit: Heimweh und Fernweh (7 Minuten)
Jugend: Rock'n'Roll und Rebellion (8 Minuten)
Indien: Sowohl Kultur als auch Schock (14 Minuten)
Griechenland: Verflixt und zugenäht - 
Erfahrungen in einer Ambulanz auf Lesbos (7 Minuten)
Utah: Hovenweep -Trommelnde Geistwesen in der Nacht (5 Minuten)
Arizona: Abstieg in den Grand Canyon vom Nordrand aus (7 Minuten)

Heimweh und Fernweh

Aus Das Kreuz mit der Spiritualität - Erinnerungen (7 Minuten)
 
 
Wäre ich psychisch ein wenig robuster gewesen, hätte ich wahrscheinlich meinen Weg in der „normalen“ Welt gemacht, hätte Ellenbogen, Kaltschnäuzigkeit und Durchsetzungsvermögen entwickelt. Aber scheu und schüchtern wie ich war,
sah ich mich einer überwältigenden Übermacht ausgeliefert, gegen die ich
keine Chance hatte.
 
„Zuhause“ fühlte ich mich allein im Land der Fantasie. Damals war mir noch nicht bewusst, dass dies das wahre Zuhause ist, doch ich fühlte mich – trotz aller Gewissenbisse – darin wohl. Gewissensbisse deshalb, weil ich ja „eigentlich“ lernen sollte, gute Zeugnisse nach Hause bringen sollte, meine Familie nicht enttäuschen sollte. Also bemühte ich mich, dem zu entsprechen, was hieß, dass ich mein „Zuhause“ ständig verlassen musste, um da draußen, in einer unbekannten und oft feindlich erlebten Welt „Pflichten“ zu erfüllen, die mir von anderen Menschen auferlegt worden waren.
 
Verständlicherweise zog es mich immer wieder mit großer Macht „nach Hause“.                Ich kann mich an ein Erlebnis erinnern – ich war wohl in der 2. Klasse – als ich nach Schulschluss nicht zur gewohnten Zeit nach Hause kam. Meine Mutter machte sich
Sorgen und lief schließlich los, um mich zu suchen. Sie fand mich in meiner Welt, in
der ich völlig glücklich und zufrieden war und Zeit und Raum um mich herum total vergessen hatte.
 
Wenn man die Straße, an der meine Schule lag, überquerte, kam man nach ca. fünfzig Metern zu einer Brücke, die über Bahngeleise führte. Hier stand ich also und träumte den Zügen hinterher, die in die weite Welt hinaus fuhren, die in meiner Fantasie Zeit und Raum durchquerten und die vor allem alles hinter sich ließen. Ich verstand gar nicht wirklich, warum meine Mutter so aufgelöst war und sich Sorgen gemacht hatte. Ich hatte wohl mehr als eine Stunde dort auf der Brücke gestanden und hatte gar nicht bemerkt, wie die Zeit vergangen war. Ich war wohl jenseits der Zeit (wie es mir später immer häufiger passieren sollte) und hätte wohl noch länger dort gestanden.
 
Meine Faszination für Züge und alles, was sich oder mich in irgendeiner Form fortbewegt (= fort bewegt) ist bis heute ungebrochen. Dabei fühle ich mich gar nicht zu den technischen Details hingezogen, die mich nie besonders interessiert haben. Die Faszination geht vielmehr von der Bewegung aus. Flugzeuge existierten zwar schon, aber es war überhaupt nicht daran zu denken, jemals eine dieser Wundermaschinen zu betreten. Sie kamen praktisch nur in Filmen vor, wenn der Hauptdarsteller am Frankfurter Flughafen eintraf (wo er natürlich von zahllosen Abenteuern zurückkehrte) und man aus dem Off eine Stimme hörte: „Achtung, Achtung! – Letzter Aufruf für die Maschine nach Rio de Janeiro“.
 
So waren Züge, da wir wie die meisten Menschen zu dieser Zeit kein Auto besassen, die einzige Möglichkeit, sich mit dem Fernweh-Virus zu infizieren. Dem kam entgegen, dass meine Oma sich ihre Drei-Zimmer-Wohnung mit ihren zwei Schwestern teilte, meinen Großtanten. Eine von ihnen, Tante Lisbeth, war Mitarbeiterin bei der Bahnhofsmission. In meiner Familie war es Tradition, sich sozial zu engagieren. Sämtliche Mitglieder waren mehr oder weniger in diversen Hilfswerken tätig. Ich selber bin als Kind noch in der Vorweihnachtszeit zusammen mit meiner Mutter und meinem Bruder durch unser Viertel gezogen, ausgerüstet mit Blockflöten und selbst erzeugtem Weihnachtsgebäck, um alten Leuten, die alleine lebten, eine Freude zu bereiten.
 
Bei Tante Lisbeth hielt ich mich gerne auf. Sie schlief nicht unten in der Wohnung, sondern hatte unter dem Dach des Mietshauses eine kleine Kammer, in der nichts weiter stand als ihr Bett, eine Kommode und ein Kleiderschrank. Natürlich war diese Kammer unbeheizt – heutzutage unvorstellbar, aber diese Generation war noch ohne Zentralheizung groß geworden. Da sie durch ihre Tätigkeit bei der Bahnhofsmission oft  Nachtschicht hatte, schlief sie am nächsten Tag bis über den Mittag hinaus.

Ich habe sie dann nach der Schule besucht, auf dem Fensterbrett ihres kleinen Dachfensters gesessen und meinen Blick in die Weite schweifen lassen. Sie hatte sich schon in der Waschschüssel frisch gemacht und bürstete sorgfältig ihr langes weisses Haar, das ihr noch bis zu den Hüften ging – ein Bild, das sich mir unauslöschlich eingeprägt hat. Nachher verschwand ihr Haar zu meinem Bedauern in dem Knoten, den sie sich auf dem Hinterkopf machte. Dabei erzählten wir uns etwas. Ich kann mich inhaltlich gar nicht mehr an diese Gespräche erinnern, aber sehr gut an das Gefühl, das ich dabei hatte. Dieses Gefühl hatte ich auch zusammen mit meiner Oma. Es war ein Herausfallen aus der Zeit, es war der Besuch eines anderen Universums. Und jeder Besuch wurde begleitet von ritualisierten Handlungen, die mir nicht nur lieb und vertraut waren, sondern auch Sicherheit gaben, vor allem ein Gefühl von Ruhe und Frieden.
 
Das waren – vom Gefühl her – meine ersten Erfahrungen (in diesem Leben) mit der Energie-Qualität, die wir mit dem Begriff Meditation zu beschreiben versuchen.
Wir saßen gemeinsam am Tisch, blätterten in Illustrierten, die meine Oma in einem Lesezirkel abonniert hatte, und haben oftmals geschwiegen. Es gab im Sommer Limonade (meine Oma besaß als erste in der Familie einen Kühlschrank) und im Winter Tee oder heisse Milch, dazu eine gute Portion Kekse aus der großen grünen Dose, die in der Anrichte ihren Platz hatte. Das war mein Flucht- und Ruhepunkt, meine Oase. Da die Wohnung meiner Oma nur zehn Fußminuten von unserer entfernt lag, war ich fast täglich bei ihr. Höhepunkt aber war der Besuch in der Konditorei alle 14 Tage. Dann erschien die neue Micky-Maus, es gab ein großes Stück Käse-Sahne-Torte mit einer Tasse heiße Schokolade dazu, und ich war erst einmal nicht mehr ansprechbar, da ich meine Nase bis über die Ohren in mein Micky-Maus-Heft steckte und völlig darin vertieft war. 
 
Ein weiterer Höhepunkt waren auch die Besuche bei Tante Liz, wenn sie Dienst hatte. Natürlich – natürlich! – gab es auch bei der Bahnhofsmission immer etwas zu essen und zu trinken, obwohl ich ja „offiziell“ kein „Notfall“ war, der hilflos in der Gegend umherirrte. Dass meine Seele sich in Not befand, hilflos war und nach einem Platz für sich (und mich) suchte, habe ich zwar gefühlsmässig empfunden, aber es war in meinem kindlichen Tagesbewusstsein nicht präsent. 
 
Die Räumlichkeiten der Bahnhofsmission lagen direkt neben denen der Bahnpolizei am Gleis 1 des Hauptbahnhofs, wo die Fernzüge hielten, damals noch mit Dampfloks betrieben. Das war immer sehr eindrücklich, wenn ein Zug einrollte und die Lok dann genau vor der Bahnpolizei zum Halten kam. Ich kam mir im Vergleich mit diesen zischenden und in weiße Dampfwolken gehüllten Ungetümen vor wie ein Zwerg. Und diese riesigen Räder! Ich war fasziniert von der Kraft, die von diesen turmhohen rollenden Maschinen ausging und die so viel Energie entwickeln, um einen ganzen Zug ziehen zu können – irgendwohin. 
 
In diesen Lokomotiven saßen rußgeschwärzte Männer, die mir vorkamen wie die Helden klassischer Sagen, die auszogen, um das Fremde und Unbekannte zu erforschen, alles zu wagen und oftmals alles zu verlieren. Aber nach allen Mühen, Entbehrungen und Abenteuern, in denen sie immer wieder an Leib und Leben bedroht und immer wieder gescheitert waren, kehrten sie schliesslich heim – umweht vom Nimbus des Überlebenden, der allen Gefahren getrotzt und dem Tod ins Antlitz geschaut hatten … 
 
Ob die Männer im Führerstand, die oft ein freundliches Wort für den kleinen Jungen auf dem Bahnsteig übrig hatten, der fasziniert und bewundernd zu ihnen aufschaute, auch Abenteurer waren, die ihren Beruf liebten? Die im Sommer der Hitze und im Winter der Kälte ausgesetzt waren, weil es noch keinen voll klimatisierten Führerstand wie in einer E-Lok gab. Die sich an Signalen orientieren mussten, bevor computergesteuerte Hi-Tech-Zugführerprogramme im Bordcomputer diese Aufgabe übernahmen. Oder waren es ganz biedere Bahnbeamte, die einfach nur ihren Job machten? Ich glaube nicht

Rock'n'Roll und Rebellion

Aus Das Kreuz mit der Spiritualität - Erinnerungen (8 Minuten)

 

Gegen Ende der 1950er Jahre waren gar absunderliche Klänge über den „grossen Teich“ zu uns herüber geweht, die die ältere Generation ebenso auf- und erschreckten wie erzürnten. Erst war es die „Negermusik“ eines Louis Armstrong und Konsorten, die aber noch nicht wirklich gefährlich war. Man quittierte sein Getröte auf der Trompete und seine Raspelstimme mit hochgezogenen Augenbrauen und ging mit einem Kopfschütteln darüber hinweg.

 

Als dann Boogie-Woogie und Rock ’n’ Roll auftauchten, wurde die Lage schon ernster. Auch ich betrachtete die Fotos in den Zeitungen, die schwitzende junge Leute bei akrobatischen Tanznummern in wilden Verrenkungen zeigten, mit Stirnrunzeln. Für die Elterngeneration war klar, dass das keine Kultur sei, sondern einfach „Urwaldmusik“ – eben typisch Amerika. Auch der Tenor in der Presse war durchweg abwertend: im besten Falle Unverständnis, im schlimmsten Falle Verachtung. Den Protagonisten dieser Musik und dieses Lebensstils (und ihren Anhängern) wurde der Aufenthalt in einer geschlossenen Anstalt nahegelegt.

 

Aber all das sollte nichts nützen: spätestens als ein gewisser Elvis Aaron Presley die Bühne enterte, war der Damm gebrochen! Jetzt gab es kein Halten mehr! Obwohl die Musik-Industrie das neue „Produkt“ Rock’n’ Roll sogleich nach allen Regeln der Kunst vermarktete, hatte diese Musik etwas, was sie sich sogar in den alles verschlingenden Strukturen der Unterhaltungs-Industrie bewahrte: Rebellion.

 

Doch das alles war nur Vorgeplänkel gewesen. Es wurde schlagartig „ernst“, als mein Cousin Dieter für einige Wochen bei uns einzog. Er war eigentlich kein Cousin, sondern der Sohn eines befreundeten Ehepaares, das auf Reisen ging, aber für mich war er „mein großer Cousin“. Da es damals noch der Kuppelei- Paragraphen gab, und Dieter zwar – o lala! – schon achtzehn Jahre alt, aber nach der damaligen Gesetzeslage noch nicht volljährig war, galt es, erotischen Abenteuern und eventuellen unerwünschten Folgen vorzubeugen. Also landete Dieter bei uns.

 

Für mich als Dreizehnjährigen war ein Achtzehnjähriger nicht nur schon unglaublich alt, sondern mit seiner angedeuteten Elvistolle  und seiner lässigen (heute würde man sagen: coolen) Art fast schon ein Wesen von einem anderen Stern, oder besser gesagt: aus dem Rock’n’Roll-Universum. Denn Dieter ließ nicht nur (lässig) seine Tasche mit Klamotten auf den Boden unseres Kinderzimmers fallen, sondern baute mit einer ebenso lässigen Selbstverständlichkeit einen Kofferplattenspieler auf dem Nachttisch auf. Der Stecker fand seinen Weg in die Steckdose, der Deckel wurde aufgeklappt, eine Scheibe wurde auf den Teller geschmissen – und dann senkte sich der Tonarm in die Rille und es ertönte dieser infernalische Krach, der als Rock’n’Roll bezeichnet wurde: ich war elektrisiert!

 

Natürlich konnte Dieter wie alle Jugendlichen seines Alters den Tag nicht ohne eine kräftige Dosis seiner Musik überstehen. Das hatte zur Folge, dass der Plattenspieler mehr oder weniger ständig zum Einsatz kam. Meine Eltern machten gute Miene zum bösen Spiel und verzogen sich ins Wohnzimmer, wenn mal wieder Musiklärm aus dem Kinderzimmer ertönte. Ich aber harrte fasziniert vor dem Mini-Lautsprecher des Plattenspielers aus: selbst dessen scheppernder Klang ließ noch erahnen, welche Urgewalt in dieser Musik steckte. Das war laut, das war rau, das war Leben! Es hatte mich gepackt, und es sollte mich ein Leben lang nicht mehr loslassen.

 

Es war Frühling und ich hatte ebensolche Gefühle, da die Beziehung zu Nachbarstochter Gaby schon in dem Stadium angekommen war, wo wir von schüchternen zu feurigen Küssen übergegangen waren. Sie wohnten unter uns, und da ihre Wohnung keinen Balkon hatte, hielt sie sich an einem sonnigen Tag auf dem Hof auf. Flugs trug ich den Plattenspieler auf den Balkon und legte eine heiße Scheibe auf. Dann lehnte ich mich lässig auf die Balkonbrüstung und tat so, als ob mich das Ganze gar nicht interessiere und ließ meinen Blick sinnend in die Ferne schweifen. In Wahrheit interessierte es mich aber sehr wohl und mein Blick schweifte auch nicht in die Ferne. Vielmehr schaffte ich es, mit geradezu akrobatischen Verrenkungen meiner Augenmuskulatur nach unten zu schielen, um zu sehen, welchen Eindruck ich auf Gaby machte. Gaby war schwer beeindruckt, gab sich aber ebenso cool wie ich – ach ja…

 

Neben Elvis lernte ich außerdem alle die Musik-Rabauken kennen, die damals die Hitparaden bevölkerten: Little Richard und Cliff Richard, Eddie Cochran, Gene Vincent, Jerry Lee Lewis, Bill Haley, Buddy Holly und wie sie alle hießen. Und es drang ein Klang an mein Ohr, der mich heute noch begleitet: der Twang  einer Elektrogitarre, der sich unglaublich tief, mit Tremolo und reichlich Hall angereichert, in meine Gehörgänge bohrte. „Rebel Rouser“ (= „Rebellen-Aufrüttler“, dieser Titel sagt ja wohl alles!) des amerikanischen Gitarristen Duane Eddy war ein Instrumentalstück, dass es bis in die oberen Regionen der Hitparade geschafft hatte – ein Novum in der Szene.

 

Wenn Dieter dann abends nach Hause kam, und mir von seinen Abenteuern im Rock ’n’Roll-Club berichtete, wo er sich abends gerne aufhielt, habe ich ihn glühend beneidet. Wenn ich doch bloss schon 18 wäre! Ein Kumpel von ihm fuhr einen alten Opel Kapitän, Drei-Gang-Getriebe mit Lenkradschaltung, lässiges Schwarz. Dieses für damalige Verhältnisse riesige Vehikel holte Dieter dann ab, und er konnte sich standesgemäß zum obigen Musikschuppen kutschieren lassen. Den Eindruck, den diese Karosse auf die Mädels machte, kann man sich unschwer vorstellen.

 

Als Dieter uns dann wieder verliess, war ich endgültig – und unheilbar – mit dem Rock’n’ Roll-Virus infiziert. Das Schöne an dieser Krankheit aber war, dass ich überhaupt nicht unter ihr litt – im Gegenteil! Je mehr ich infiziert wurde und der anfangs nur leichte Infekt sich zu einer chronischen Krankheit ausgewachsen hatte, desto besser ging es mir: DAS war es! Ohne direkt danach gesucht zu haben, hatte ich es gefunden.

 

Fünfundvierzig Jahre später, nach Lehrjahren im Schreiben von Rock, Blues und Balladen, brachte ich das Thema Rock’n‘Roll für meine damalige Band CALUMET in einem Song auf den Punkt. Folgender Auszug bedarf wohl keines weiteren Kommentars…

 

 

Rock and Roll is my Religion

At first in the morning  I put some music on.

Maybe I’m still yawning, but I’m ready for fun.

Hopping on a bus that takes me downtown.

Everywhere I look I see this tired faces all around.

But not me – I’ve got my headphones on!

 

Rock and Roll is my Religion, Rock and Roll is my desire,

Rock and Roll is all I need, and it sets my heart on fire!

Rock and Roll is in my mind, Rock and Roll is in my dreams,

Rock and Roll is in my bones, because I love adrenalin!

Mit meiner ersten Band The Scouts 1967 bei einem Gig im Haus der Jugend in Itzehoe. Hier schon in der zweiten Besetzung mit Hajo, Peter, Gerd und Achim.

The Scouts 1969 in der dritten Besetzung mit Ralf, Achim , Eddy, Günter und Hajo bei einem Beat-Abend im Café Mohr in Kellinghusen.

The Scouts bestanden in verschiedenen Besetzungen von 1966 bis 1971. Danach gingen alle Bandmitglieder privat und musikalisch getrennte Wege. Doch im September 1991 fanden wir uns erstmals für eine Reunion zusammen. Im Bild Gerd und Achim.

Zweite Reunion der Scouts im März 2010. Leider konnten wir nicht mehr in der Originalbesetzung auftreten, da sowohl Ralf (Keyboards/Guitar) als auch Peter (Leadguitar) sich allzu früh in die Rock'n'Roll Galaxis verabschiedet hatten. Im Bild Hajo, Achim, Eddy und Sven.

Indien - Kultur und Schock

Aus Das Kreuz mit der Spiritualität - Erinnerungen
 
 
 
Indien - Traum und Albtraum zugleich. Während meines ersten Aufenthalts 1990 in diesem ebenso faszinierenden wie widersprüchlichen Land kam ich oft an meine Grenzen. Das Eintauchen in eine völlig andere Mentalität, die ich nur mit Mühe verstehen konnte, machte mir schwer zu schaffen. Seit meinem zweiten Besuch hingegen kam ich in Indien wunderbar klar, da ich gelernt hatte, mich von diesem Lebensstrom, den ich vorher als total chaotisch erlebt hatte, tragen zu lassen. Und ich lernte dort interessante Menschen kennen.Tiefe Eindrücke hinterließ auch eine Treckingtour zu den Gangesquellen im Himalaya: Einsame Bergriesen ohne Kühe und Kuhglocken, Gletscher und Bergdörfer, Wandermönche und Heilige Männer, Bergbauernhöfe und Klöster. Da tat es gut, sich zwischendurch an den Stränden von Goa zu erholen.


Mitten im Chaos gelandet (7 Minuten)

Aus Bangkok kommend landeten wir um Mitternacht in New Delhi und wurden eiligst aus der Maschine hinauskomplimentiert, da wir wegen Nebel nicht wieder starten konnten: erst morgen früh sollte es nach Mumbai weitergehen, für die Nacht seien Hotelzimmer reserviert. Nun setzte ein Hauen und Stechen ein, wie ich es noch nie erlebt hatte: Business-Typen im Zweireiher, turbanbewehrte Sikhs, Sari-raffende Ladys, Brahmanen in wallenden Gewändern und ein verlorenes Häuflein von Travellern kämpften um die Sitze in den anrollenden Bussen.

 

Diese spuckten uns vor einem grossen Hotelkasten wieder aus. Hier wiederholte sich das Rattenrennen und staute sich sofort vor der Rezeption, wo heillos überforderte Hotelangestellte versuchten, jedem Gast ein Zimmer zuzuweisen. Da in Indien ja immer alles perfekt organisiert ist, notierte man sich natürlich nicht, zu welchem der zwei Flüge die einzelnen Gäste gehörten. Wir fielen wie die Toten in die Betten und schliefen sofort ein. Doch schon um 3.00 Uhr war die Nachtruhe beendet: das Telefon klingelte. Am anderen Ende war eine aufgeregte Stimme, die uns bat, in fünfzehn Minuten unten in der Lobby zu sein, da unser Flug starten würde! 

 

Wir taumelten halbblind wie Nachtfalter nach unten, nur um uns dort in der nächsten Schlange wiederzufinden. Als wir an der Reihe waren, fragte uns ein schon sichtlich erschöpfter Clerk, zu welchem Flug wir gehörten. Wir nannten ihm unsere Flugnummer, was große Erleichterung auf der anderen Seite des Tresens hervorrief: Es sei nicht unser Flug, der aufgerufen worden war: wir hätten Glück gehabt – wir durften noch weiterschlafen! Ich glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Zum Glück konnten sich meine Hände um die Kante des Tresens klammern, sonst wären sie wohl am Hals dieses Unglücksmenschen gelandet.

 

Wir konnten tatsächlich noch eine Runde schlafen und wurden gegen Mittag zurück zum Flughafen gekarrt. Nun mussten wir unsere Umbuchung noch bestätigen lassen. Am Schalter von Air India empfing uns eine Reihe von weiblichen Angestellten, deren Gesichtsausdruck zwischen gelangweilt bis blasiert variierte. Die erste Dame deutete wortlos mit dem Daumen nach links, aber auch von der nächsten Dame wurden wir weitergeschickt. Als auch die dritte keine Anstalten machte, auf unser Begehr einzugehen, explodierte Kerstin: sie schrie die Dame in einer derartigen Lautstärke zusammen, dass ein männlicher Vorgesetzter erschrocken aus einem Hinterzimmer herbeigeflattert kam. Nun ging es auf einmal. Ich war gerade einen halben Tag in diesem Land und mit den Nerven schon fix und fertig!

 

In Mumbai kutschierte uns ein Taxi zum Stand der Überlandtaxis, wo wir weiter nach Pune fahren konnten. Man nannte uns einen Preis, mit dem man problemlos auch eine Reise zum Mond hätte finanzieren können, und hoffte auf ein gutes Geschäft. Aber Kerstin kannte von einem vorherigen Besuch her die Tarife und so wurde daraus nichts. Schließlich zuckelten wir los. Der Fahrer, der einen mächtigen Turban trug, verstaute unser Gepäck zum Teil auf dem Dach und ich fragte mich, wie man es bei dieser Hitze mit solch einer Kopfbedeckung aushalten könne.

 

Indien schenkte mir nichts. An jeder roten Ampel steckten zerlumpte Krüppel ihre Arme durchs Fenster oder zahnlose alte Weiber hielten uns winzige Säuglinge entgegen, die aussahen wie uralte Greise. Als wir die Ausfallstraßen entlang fuhren wurde mir auch klar, woher der beißende Gestank kam, der wie eine schwere Decke über der Stadt lag: ungeniert verrichteten Menschen, die in Verschlägen aus Holzlatten, Pappe und Plastikplanen hausten, ihre Notdurft direkt neben der Strasse, während sich wenige Meter weiter unter einem Wasserhahn gewaschen wurde. Ich war komplett überfordert und konnte das alles nicht einordnen. Mir wurde klar, dass der „Urlaubsteil“ der Reise definitiv vorbei war.      

 

Der Verkehr war das absolute Chaos und es herrschte nur eine Regel: jeder gegen jeden – im Sinne des Faustrechts. Im Prinzip wurde auf der linken Strassenseite gefahren – aber nur im Prinzip. Vorfahrtsregeln glichen eher unverbindlichen Empfehlungen, die man nach Gutdünken auslegen konnte. Lediglich an roten Ampeln zügelte man sich. Unser Fahrer steuerte seine Karre gelassen durch diesen abgasgeschwängerten Wahnsinn und gebrauchte seine Hupe genauso ausgiebig wie jeder andere Verkehrsteilnehmer. Auch als er bei einem Scheinwerfer das Glas verlor (mittlerweile war es dunkel geworden) und die Birne wie Tom Dooley am Galgen vor der deckellosen Scheinwerfer-Höhle baumelte (wobei sie aber tapfer weiter ihr trübes Licht verbreitete), verlor er nicht seinen Gleichmut. An einer Allrounder-Werkstatt wurde kurz angehalten, wo Kabel und Birne mit Draht und Klebeband fixiert wurden, so dass wir unsere Fahrt fortsetzen konnten. 

 

Wir kamen in einem kleineren, preiswerten Hotel unter und ich wurde fast von der

hier ganz normalen Geräuschkulisse erschlagen: dauerhupendes Verkehrsgetöse, das Geschrei fliegender Händler, verwahrloste und giftig kläffende Köter, die in Europa jedes Tierheim wegen Ansteckungsgefahr zurückgewiesen hätte, lärmende Musik aus übersteuerten Boxen und Menschen, Menschen, Menschen. Nur die Kühe zogen inmitten dieses Chaos unbeirrt ihre Bahn oder lagen wiederkäuend mitten auf der Strasse. Das war also das Land, in dem Meditation und Spiritualität ihre Heimat hatten. Aha.

 

Tags darauf gondelten wir mit verschiedenen Halsabschneidern durch die Gegend, die Zimmer und Wohnungen vermieteten und uns ihre Machtposition deutlich spüren liessen: jeder Westler wurde hier als wandelnde Goldgrube angesehen, die es auszubeuten galt. Mit etwas Glück und viel Beharrlichkeit (nachdem wir aus einigen „Löchern“ geflohen waren, in denen uns nur die Haare zu Berge standen) fanden wir dann eine Zwei-Zimmer-Wohnung, die vom Standard her zwar ziemlich einfach, aber in Ordnung war, und die auch preislich stimmte. Die Rucksäcke landeten in einer Ecke und wir verbrachten die erste Nacht auf unseren Isomatten.

 

Am nächsten Morgen inspizierten wir unser neues Domizil und erstellten eine Einkaufsliste: Matratzen, Leintücher, Kopfkissen, ein Gaskocher, eine rudimentäre Geschirr-Ausstattung, Wäscheleine, Hanger für die Kleider, Tücher lediglich für die Wände (alle Fenster hatten Milchglas), einige Topfpflanzen und Poster, um unser Zuhause etwas wohnlicher auszustatten. Auch  rauchten wir Plastikeimer und -becher, denn die Toilette war ein Hock-Klo wie in Südeuropa, aber nicht mit einer Wasserspülung ausgestattet. So musste eine Füllung des Wassereimers die Talfahrt des Darmendproduktes in Gang setzen. Mit einer Rikscha ging es zur Mahatma-Gandhi-Road, wo eine ganze Reihe von Shops sich auf die Bedürfnisse der Westler eingestellt hatten. Als wir nach einer gründlichen Reinigung der Wohnung unseren Hausrat abgeladen hatten, sah alles schon viel besser aus.


Trecking zu den Ganges-Quellen (7 Minuten)

 

Die kleine Reisegruppe, der ich mich angeschlossen hatte, flog also nach New Delhi, wo wir übernachteten. Am nächsten Morgen ging es mit einem der Überlandbusse weiter. Auf dem Busbahnhof regierte das absolute Chaos, und nur unseren resoluten Frauen war es zu verdanken, dass wir noch einen Platz in einem der mit Menschen und Gepäck überfüllten Busse bekamen. Auf der den ganzen Tag dauernden Fahrt habe ich mehr  lebensgefährliche Situationen im Strassenverkehr erlebt, als in den zwanzig Jahren, in denen ich den Führerschein besaß. Trotzdem passieren in Indien statistisch nicht mehr Unfälle als in anderen Ländern – unglaublich.

Abends kamen wir in Uttarkashi an und bezogen reservierte Hotelzimmer. Ich war froh, ein Zimmer für mich alleine zu haben. Es war hier oben noch ziemlich frisch, die Nächte kühl, aber die Tage angenehm sonnig und nicht zu warm. Und die Luft war vor allem besser. Wir hatten drei Tage Zeit, uns zu akklimatisieren und ich erkundete die Umgebung, kletterte auf den Hügel herum und besah mir ehrfürchtig die Schneeriesen des Himalaya, die aus der Ferne grüßten.

Am Nachmittag des letzten Tages begann es in meinen Gedärmen zu grummeln. Ich bekam Panik: nicht wieder krank werden, das war jetzt wirklich der allerungünstigste Zeitpunkt! Aber schon abends hatte ich Fieber und alle Mittelchen aus den Reiseapotheken meiner Gefährten nutzten nichts. Am Morgen war ich nach dieser Nacht, die ich zur Hälfte auf der Toilette zugebracht hatte, ziemlich entkräftet und hatte heftige Bauchkrämpfe. Aber es nutzte nichts: der Minivan mit Fahrer war angemietet und so fuhren wir los. Ab und zu gab es mal einen Stopp, weil ich hinter die Büsche musste, aber sonst es ging so einigermaßen. Bei meinem Zustand hatte ich natürlich nur ein halbes Auge für die Landschaft übrig.

Die nächste Nacht verging wieder mit Krämpfen und Durchfall. Man kümmerte sich um mich, so gut es ging. Wir waren ja eine internationale Gruppe: unser Travelguide Rick war US-Amerikaner, seine Freundin Cherry Australierin, Marina kam aus Italien und ich sowie Tanja, von Beruf Hebamme, vertraten die deutsche Fraktion. Tanja mit ihrer mütterlichen Ausstrahlung hielt meine Hand oder gab mir während der Fahrt Reiki, so dass ich ein wenig Trost und Hilfe bekam.

Nach der nächsten Nacht ging es mir etwas besser und wir kamen langsam in einsamere und rauere Gegenden. Das war etwas anderes als die dicht besiedelten Alpen! Hier bimmelten auch keine Kuhglocken, höchstens dass mal eine Ziege unseren Weg kreuzte. Wir machten Halt an Chai-Shops, die Tee ausschenkten, oder Garküchen, die unter primitivsten Bedingungen Mahlzeiten über offenen Feuern am Strassenrand zu bereiteten.

Und dann war plötzlich Schluss: an einem Hang war eine Lawine heruntergekommen und hatte die Strasse mit meterhohen Schneemassen blockiert. Ein Bulldozer war schon bei der Arbeit, aber es war klar, dass wir heute hier nicht mehr durchkommen würden. Alle Pilger, die wie wir zu den heiligen Ganges-Quellen unterwegs waren, mussten die Busse verlassen und sich irgendwo Quartier suchen. Darunter befand sich auch eine Gruppe von Sadhus (Wandermönchen), knorrige Typen, die zu Fuß von Südindien nach Kashmir unterwegs waren.

Aber Rick hatte die Sache im Griff: nach einer kurzen Diskussion wurde das notwendigste Gepäck in den kleinen Tagesrucksack gepackt, unser Fahrer sollte mit dem restlichen Gepäck am nächsten Tag nachkommen. Wir machten uns auf die letzte, 14 Kilometer lange Wegstrecke, wobei der Weg, jetzt von Pilgern entvölkert, nur moderat bergauf ging. Ich blieb bewusst etwas zurück, um in Ruhe die Ruhe der majestätischen Bergwelt zu geniessen. Doch es kostete mich meine letzten Kräfte, und ich war froh, als ich am Abend in dem Ort Gangotri wieder zu der Gruppe stieß, die in einem „Restaurant“ am Wegesrand beim flackernden Schein einer Petroleumlampe auf mich wartete.

Unser Quartier für die Nacht war auf dem untersten Niveau, aber ich konnte, todmüde wie ich war, recht gut schlafen und musste nur noch einmal die Toilette aufsuchen. Am nächsten Morgen waren meine Kräfte weitgehend zurückgekehrt und so wurde der restliche Weg zum Vergnügen. Unsere Rucksäcke waren inzwischen nachgekommen, aber sie landeten auf den Rücken der Träger, die wir angeheuert hatten. Es war eine herrliche Wanderung durch dieses von schneebedeckten Sechstausendern umrahmte wunderschöne Tal. Die Luft war angenehm klar und warm, ich blieb wieder zurück, da man sich ja hier nicht verlaufen konnte, und genoss in vollen Zügen die Einsamkeit. 

 

Als wir am Abend den Ashram von Lal Baba in Gomukh auf 3200 Metern Höhe erreichten, war das Wetter umgeschlagen: es war kalt, windig und regnerisch geworden. Das Guesthouse war zwar offen, hatte aber den Betrieb noch nicht aufgenommen. Ein winziger Schlafraum, der uns im Ashram angeboten wurde, hatte weder Fenster noch Matratzen, beherbergte aber eine Armee von Mäusen. Wir flüchteten ins Guesthouse, wo wir wenigstens Matratzen vorfanden. Im Nieselregen legten wir noch die restlichen vier Kilometer zum Fuß des Gletschers zurück. Sich im Nebelgrau verlierend, lag diese riesige Eismasse, in der es knackte, polterte und knirschte, in dieser unberührten Wildnis.

Die Nacht brachte ich einigermassen über die Runden. Im Morgengrauen lag das Tal im letzten Sternenlicht, während sich im Ashram schon eine Schar wilder Gesellen im Halbdunkel um ein Feuer scharte, auf dem Reis und Dal garte. Auf Blechpfannen wurden Chapatis erhitzt und der dampfende Tee wärmte meine strapazierten Därme. Diese Szene hatte etwas Urwüchsiges und auch Gespenstisches – hier waren wir im Sinne des Wortes am Ende der Welt.

Wieder unten angekommen, waren wir von Kälte und Regen geschafft. Doch unser Fahrer wusste Rat: ein Stück weiter die Strasse hinunter gab es heisse Quellen, und wir versenkten unsere durchgefrorenen Körper dankbar in dem dampfenden Betonbecken. Wir besuchten dann noch zwei weitere Pilgerstätten, was mich wieder sehr ernüchterte: die „heiligen Männer“ machten auf mich mehr den Eindruck von verwahrlosten, religiös getarnten Bettlern. In dem etwas größeren Ort Joshimat trennten sich dann unsere Wege: die Gruppe reiste nach Pune zurück, während ich in unserem Quartier blieb, da ich noch einige Tage bleiben wollte.

Wandermönche aus dem Süden Indiens, welche die ganze Strecke zu Fuß zurückgelegt hatten.

Umrahmt von Bergriesen inmitten einer nur spärlich besiedelten und bewirtschafteten Landschaft.

Einsamer Bergbauernhof an den Hängen über Joshimat. Leben unter einfachsten Bedingungen im Hochgebirge.

Stolz zeigte mir dieser freundliche Friseur in Joshimat seine ganz persönliche Variante eines Kindersitzes.

Verflixt und zugenäht

Erfahrungen in einer Notaufnahme auf Lesbos

Aus
Das Kreuz mit der Spiritualität - Erinnerungen (7 Minuten)
 

Im September 2006 flog ich auf die griechische Insel Lesbos. Berge im Norden, karges Land mit magischen Stimmungen und versteinerten Bäumen im Westen, dicht bewaldete Höhen im Süden sowie Klöster, Ruinen und Strände um die ganze Insel herum verteilt: ich genoss die Vielfalt und das draußen Sein in der Natur, denn ich schlief fast die ganze Zeit in meinem Mietwagen. 

 

Als ich im Westen an einem abgelegenen Strand übernachtete, hatte ich am Morgen eine lustige Begegnung mit einem Einheimischen. Ich war gerade dabei, mein Ränzel zu schnüren, als sich Opa auf seinem Esel näherte. Er hielt neben mir an und ich entbot ihm mit einem möglichst akzentfreien „Kalimera“ einen Morgengruß.                                                                                                                   

Da schmunzelte er und entgegnete auf Deutsch „Sprichst du Deutsch?“ Nanu?  Erstaunlich, dachte ich nur, dass mich hier an diesem einsamen Strand ein alter Grieche, der in Deutschland gearbeitet hatte und die Sprache fließend beherrschte, zu einer Tasse Kaffe einlud, war im Programm nicht vorgesehen!

 

Ebenfalls nicht vorgesehen war ein kleiner Unfall, der mich aber einiges lehrte. Ich

war auf einem Wanderweg gestartet, dessen Beschilderung sich aber schon nach zwanzig Minuten in guter alter griechischer Tradition in Luft auflöste. Auf gut Glück und leicht genervt den Weg suchend, stieg ich in einem Olivenhain auf einer der kleinen Mauern, welche die Terrassen bildeten, auf einen losen Stein. Dieser brach unter meinem Gewicht aus der Mauer heraus, so dass mein rechtes Schienenbein der Länge nach von den Kanten der Steine aufgekratzt wurde. Himmel noch mal – das hatte ich jetzt von meiner Ungeduld!

 

Es schmerzte zwar nicht stark, blutete aber heftig. Fieberhaft klebte ich alle verfügbaren Pflaster aus meiner kleinen Wanderapotheke auf die Wunden und machte mir mit zwei Taschentüchern einen provisorischen Druckverband. Und natürlich – das sind die Momente, wo mein soziales Umfeld sich mit Recht an den Kopf fasst! – hielt ich diesen dramatischen Moment aus dokumentarischen Gründen noch schnell in einem Selbstauslöser-Foto fest! Dann humpelte ich die zwanzig Minuten zum Auto zurück und schickte Dankgebete zum Himmel, dass mir dieses Malheur nicht auf einer mehrstündigen Bergwanderung passiert war.

 

Am Auto machte ich mir mit einem Handtuch einen neuen Druckverband und  holperte auf einem steinigen Weg in das nächste Dorf, denn ich wusste, dass es dort einen Arzt gab. Doch dieser war gerade unterwegs und man schickte mich in den nächsten Ort zu einer Ambulanz. Es war passenderweise gerade Montagvormittag, wo ja nach dem vorhergehenden Wochenende immer viel los war, was medizinische Notfälle angeht, so dass ich in einem fröhlichen Chaos landete: Menschen mit allen möglichen Blessuren, lamentierende Mütter mit schreienden Kindern auf dem Arm, ein mit einem Asthma-Anfall vor sich hin röchelnder deutscher Tourist, während ein schwitzender Krankenpfleger die Tür zum Behandlungsraum verteidigte, damit nicht alle auf einmal hineindrängten.

Doch ich musste nur eine halbe Stunde in diesem Durcheinander ausharren, bis ich schließlich auf der Liege einer durchaus charmanten jungen Ärztin landete. „How did this happen?“ Ich erklärte ihr den Hergang, worauf sie mir eine Tetanus-Spritze und dann noch ein Schmerzmittel verpasste („We have to make a few stitches!“) und sich zusammen mit einer Krankenschwester fröhlich ans Werk machte. Im Gespräch teilte sie mir mit, dass sie davon träume, in Deutschland eine Facharzt-Ausbildung zu machen und ich bedauerte mal wieder, immer noch nicht im Lotto gewonnen zu haben, um zum Beispiel diese nette junge Medizinerin bei der Verwirklichung ihres Traums zu unterstützen.        

 

Während ich verarztet wurde, ließ ich meinen Blick im Raum umherschweifen. Der Asthmatiker röchelte auf einer weiteren Liege unter seiner Atemmaske schon deutlich weniger, aber die griechische Familie, die sich um das Bett eines Kindes scharte, sorgte für die Geräuschkulisse, welche die nötige Atmosphäre für dieses Setting schuf. Aus mehreren Schränken quollen Verbandsmaterial und medizinische Hilfsmittel aller Art und auch die Apparaturen, die meiner Helferin zur Verfügung standen, machten nicht unbedingt einen Vertrauen erweckenden Eindruck. So sterilisierte sie ihr Handwerkszeug in einem Aluminiumtopf, dessen Deckel schon zweimal gebrochen und mit Klebeband geflickt war – ich versuchte nicht hinzuschauen und legte mein Schicksal in Gottes Hand.

 

Nach einer dreiviertel Stunde, die mit angeregten Gesprächen (Ärztin und ich auf Englisch, Ärztin und Schwester auf Griechisch) wie im Flug vergangen war (in Anbetracht ihrer zarten Hände hätte ich sogar nichts gegen eine Verletzung gehabt, die eine intensivere und längere Behandlung erfordert hätte), zierte mein Schienenbein eine schöne Naht (die Narbe trage ich heute noch mit einem gewissen Stolz) und ich bekam noch einen schmucken Verband, der mich in seiner fachlichen Ausführung allerdings an meine Versuche in einem Erste-Hilfe-Kurs erinnerte, aber was soll’s: hier ging es nicht um eine medizinische Versorgung auf High-Tech-Level, sondern um einen Samariterdienst, für den ich noch nicht einmal etwas bezahlen musste. Sie dürfe kein Geld nehmen, weil der Standard dieser Ambulanz nicht der EU-Norm entspräche. „Wohl wahr“, dachte ich.

 

Die beschwingte Stimmung, in die mich unser kleines Rendezvous versetzt hatte, bekam allerdings einen unliebsamen Dämpfer, als sie mir – wegen der Spritze – mit einem strengen Blick für die nächsten drei Tage Alkoholabstinenz verordnete. Auch das noch: hier saß ich in meinem geliebten Griechenland direkt an der Quelle und durfte doch nicht zum guten griechischen Mythos-Bier  greifen! Mir wurde mal wieder bewusst, wie grausam und unnachgiebig das Schicksal zuschlagen kann.

 

Natürlich war das Thema Schwimmen für die restliche Woche abgehakt, so dass ich das Meer nur noch mit sehnsüchtigen Blicken betrachten konnte. Ich versuchte, jede Erinnerung daran, wie es wäre, sich jetzt in die Fluten zu stürzen, zu verdrängen. So flog ich also mit einem Humpelbein zurück und machte mir wieder mal Gedanken, ob es nicht doch sinnvoll wäre, etwas mehr Ruhe in mein Leben zu bringen.                                                 

Trommelnde Geistwesen in der Nacht

Aus Das Kreuz mit der Spiritualität - Erinnerungen (5 Minuten)

 

Eine weitere Station auf der Südwest-Reise mit meinem großen Sohn war das Hovenweep National Monument  im Hinterland von Utah. Im Gegensatz zu den Alkovenbauten der Cliff-Dwellings oder den Pueblobauten entwickelte sich hier um das Jahr 1200 herum eine Architektur, die sich in einer Art Wohn- und Wehrtürme manifestierte. Dabei folgten wir dem sich durch die Einsamkeit schlängelnden Utah Highway 162, der uns über das Nest Aneth mit seinen rund 250 Einwohnern inklusive Trading-Post und über eine Abzweigung zu den im sprichwörtlichen Nirgendwo dieses weiten Landes liegenden Indianer-Ruinen führte. 

 

Interessiert sahen wir uns auf einer Rundwanderung die vergleichsweise kleine, aber harmonisch in die Landschaft eingefügt wirkende Anlage mit ihren verschiedenen Siedlungen, in der einmal rund 2500 Menschen (also zehnmal soviel wie in Aneth) gelebt hatten. In der Weite der mit Salbeibüschen bestandenen und sich bis zum Horizont ausdehnenden Hochebene richteten wir uns auf dem Campground vor dem im Hintergrund aufragenden beeindruckenden Bergzug des Sleeping Ute Mountain ein. Abends gab  es einen der beliebten Ranger Talks am Campfire, wo uns in einem intimen Rahmen viel Wissenswertes über die Lebensweise der Ureinwohner vermittelt wurde. Wieder einmal fühlte ich, dass dieses Land mit seinen Landschaften und seinen indigenen Vorfahren meine Herzensheimat waren. Mit diesem im Sinne des Wortes herzerwärmenden Gefühl ging ich zu Bett. 

 

Als dann nachts gegen drei Uhr einmal das Leeren der Blase angesagt war, hatten wir ein eindrückliches Erlebnis, das wir beide als ziemlich unheimlich empfanden. Abgesehen vom Sternenlicht war es total dunkel und ruhig um uns herum, auch im nahe gelegenen Wohngebäude der Ranger brannte kein Licht mehr. Da vernahmen wir beide indianische Trommelmusik und Stimmen, die leise, aber dennoch deutlich hörbar, durch die Nacht klangen. Wir sahen uns an: hörst du das auch? Ja. Doch es war weit und breit keine Menschenseele in Sicht, alles schien zu schlafen und auf dem Campground war auch keine Party in Gange. Selbst als wir einige Schritte in die Richtung gingen, aus der die Musik zu kommen schien, konnten wir die Quelle dieser Klänge nicht ausmachen. Schließlich zogen wir uns mit Gänsehaut wieder in unseren Camper zurück, aber die Musik hielt weiter an und ließ unzählige Bilder vor meinem inneren Auge ablaufen. Demzufolge dauerte es lange, bis wir wieder einschlafen konnten. 

 

Diese „Fenster“, durch die uns Einblicke in andere Zeitebenen vermittelt werden, mögen als Vorstellung vielleicht gewöhnungsbedürftig erscheinen, sind letzten Endes aber ein völlig normales Phänomen. Dass es in der Unendlichkeit des Kosmos über die bekannten räumlichen Dimensionen hinaus auch noch die Dimension der Zeit gibt, weiss heute jedes Schulkind. Aber nur wenige Menschen haben einen Einblick in die übergeordneten Ebenen im Universum, in denen keine Zeit mehr existiert. Dabei sind Zeit und Zeitlosigkeit keine sich ausschliessende Polaritäten, sondern Zeitlosigkeit ist das, was auf stofflicher Ebene vielleicht dem Vakuum entspricht. Deshalb existiert auf diesen übergeordneten Ebenen keine Materie und auch keine Zeit, sondern nur reine Energie, die noch keine Form angenommen hat. 

 

Wenn es uns schwerfällt, diese Vorstellung nachzuvollziehen, können wir uns daran erinnern, dass das Organ, welches unsere Wahrnehmungen interpretiert, auf die räumlichen und zeitlichen Ebenen ausgerichtet ist. Mit anderen Worten: es ist in diesem Falle ein nur beschränkt einsetzbares Werkzeug. Gehirn und Verstand eröffnen uns fantastische Möglichkeiten, doch sie haben ihre Grenzen. Was hinter diesen Grenzen liegt, können wir verstandesmässig nicht erfassen. Oder anders  ausgedrückt: es entzieht sich unserer Kontrolle, da wir es nicht mehr einordnen können. Aber es gibt Möglichkeiten, sich diesen scheinbar unfassbaren Phänomenen zu nähern. Diese lassen sich mit den Begriffen Intuition und Meditation nur umschreiben, doch sie weisen den Weg. 

 

Auf dieser Reise hatte ich ein weiteres Mal meine gefühlsmäßige Verbindung zu den Seelen, die in früheren Zeiten auf diesem Kontinent inkarniert haben, weiter vertiefen können. Dabei hatte ich gar nicht das Bild des „edlen Wilden“ vor Augen, sondern ein tieferes Gefühl dafür bekommen, wie Menschen in bestimmten Epochen nicht nur eine historische Bedeutung erlangen, sondern stellvertretend für das Kollektiv „Menschheit“ Erfahrungen sammeln, die dann ihren Widerhall in der Reflektion späterer Generationen finden. Doch von wem diese Musik und dieser Gesang ausgegangen war, blieb ein Geheimnis. Wohl aus diesem Grunde erinnere ich mich immer wieder gerne an dieses rätselhafte Vorkommnis.

Als ich zehn Jahre später wieder einmal in Hovenweep war, wurde mir ein ebenso prägendes Erlebnis beschert. Nach einem heißen Tag hatte ich in der Dunkelheit eine erfrischende Dusche aus der Gallone genossen und ließ mich von der immer noch warmen Luft trocknen. Als dann in der absoluten Stille der Salbeisteppe schließlich der Vollmond orangerot hinter dem Sleeping Ute Mountain hervorkam, war ich von diesem Naturschauspiel zu Tränen gerührt.

Wie auch andere Kulturen im Südwesten um das Jahr 1200

hinterließen die Erbauer  und Bewohner von Hovenweep

solide Steinbauten, die bis heute bestehen.

Weites Land im San Juan County mit Sleeping Ute Mountain

Abstieg in den Grand Canyon vom Nordrand aus

Die anstrengendste Tour von meinen insgesamt fünf Grand-Canyon-Wanderungen
Aus
Das Kreuz mit der Spiritualität - Erinnerungen (7 Minuten) 

 

Als ich in Los Angeles in meinen schon reichlich betagten Camper stieg, musste ich ein Auge zudrücken, aber bei diesem günstigen Preis durfte ich mich über eine durchgelegene Matratze nicht beschweren. Gewöhnungsbedürftig war, dass der Wagen beim Bremsen nach links zog, was mich auf der Rückfahrt auf der Interstate bei Las Vegas in eine gefährliche Situation brachte. Aber sonst war die alte Kiste ideal für mich: genau die richtige Grösse und immer ein Dach über dem Kopf.

 

Die ersten Tage akklimatisierte ich mich im Anza Borrego Desert State Park, drehte eine weitere Runde durch den Joshua Tree NP und entkam der in Südkalifornien bereits herrschenden Hitze nach Sedona AZ, wo ich den wunderschönen Oak Creek Trail  ein zweites Mal lief. Zwischenstopp am Clear Creek bei mittags 40 Grad. Da ließ sich sogar eine ermattet schlafende Klapperschlange, auf die ich bei einem Hike in die Clear Creek Wilderness stieß, widerstandslos fotografieren.

 

Danach steuerte ich wieder den Grand Canyon an. Ich war jetzt mittlerweile 54 Jahre alt und hatte mir den North Kaibab Trail vorgenommen, denn ich wusste nicht ob, und wenn ja wann, ich wieder hierher kommen würde – also jetzt oder nie. Dieser Trail führt vom Nordrand auf einer Streckenlänge von 23 Kilometern zum 1400 Meter tiefer gelegenen Colorado River, ist also kein Spaziergang. Ich besuchte die Ranger- Station, und tatsächlich: die Wetterlage war stabil, und ja: ich könne für den übernächsten Tag noch ein Permit (= Bewilligung) erstehen. Ich zahlte meine 15,- Dollar und zog glücklich von dannen. *)

 

Der Campground war natürlich voll, aber ich fand den wilden Campground von 1997 außerhalberhalb des Parks wieder, wo ich mich noch einen Tag an die Höhe von 2400 Metern und das Klima gewöhnen konnte und Wanderungen entlang des Canyonrandes machte. Abends hieß es dann, alles für meine Tour zu packen und den Wecker auf vier Uhr zu stellen. Alles paletti, aber ich schlief unruhig in dieser Nacht. Würde ich, der ja keine Zwanzig mehr war und nie Sport getrieben hatte, diesen Strapazen gewachsen sein?                                                                                                             

Um Drei Uhr war es dann mit der Nachtruhe vorbei, also federte ich um 3:30 Uhr hoch und machte mich auf den Weg. Punkt Fünf Uhr stieg ich im allerersten Tageslicht in den Canyon ein. Ich musste mein Langarm-T-Shirt über das T-Shirt ziehen, denn es wehte eine recht frische Brise. Ein Blick auf mein Badewannen-Thermometer: sieben Grad. Schlotternd überwand ich die ersten 500 Höhenmeter, wo es bei dem Wasserfall Roaring Springs dann schon langsam wärmer wurde. 

 

Da es von nun an moderat bergab ging, war die Wanderung ein echter Genuss. Außer mir war keine Menschenseele zu sehen und bald begann die Sonne zu wärmen. Als ich weiter unten in die Wüstenklima-Zone kam, wurde es schon richtig heiß. Da flog ein Helikopter über mich hinweg, landete weiter oben am Trail und kehrte nach einer Viertelstunde wieder zum Südrand zurück. Ich hatte ein ungutes Gefühl, da ich wusste, dass es jedes Jahr mehrere Todesopfer im Grand Canyon gab. Als ich wenige Tage später auf dem Campground am Südrand hörte, dass an diesem Tag ein Wanderer in meinem Alter einer tödlichen Herzattacke erlegen war, wurde mein Verdacht bestätigt.

 

Mittlerweile war es Mittag geworden und ich lechzte nach Schatten. Da erspähte ich an einem Seitenweg zum Ribbon Fall  eine kleine Baumgruppe, die höher gewachsen war als die Büsche am Bright Angel Creek und die Schatten für die Mittagspause versprach. Als ich dort eintraf, scheuchte ich ohne es zu wollen einen Hirsch auf, der sich dort niedergelassen hatte. Das tat mir leid, aber nun war es nicht mehr zu ändern. Bei 37 Grad dämmerte ich nach dem Picknick ein Stündchen auf der Isomatte vor mich hin und erfrischte mich dann mit einem Bad im Bach, bevor ich mich aufmachte, die letzte Etappe anzugehen.

 

Jetzt waren doch einige Leute auf dem Trail, und jeder war wie ich bei den nun herrschenden 40 Grad kurz vor dem Verglühen. Ich schleppte mich weiter, wobei 

der glühend heiße Wind mich mehr erhitzte als abkühlte. Es half nichts: ein weiterer Sprung in den Bach war angesagt. Das Wasser kam mir eiskalt vor, doch mein Thermometer (aus genau diesem Grunde führe ich immer ein Badewannen-Thermometer mit!) lehrte mich, dass das Wasser im Bach satte 24 Grad hatte!

 

Als ich um sechs Uhr abends auf dem Campground bei der Phantom Ranch  ankam, war ich fix und fertig. Er lag zwar bereits im Schatten, aber die von der Sonne aufgeheizten Felsen warfen die gespeicherte Hitze wie ein Backofen zurück. Ich konnte noch eine freie Campsite ergattern, die direkt am Bach lag und kühlte mich erst einmal ausgiebig ab. Ein kleiner Spaziergang führte mich noch das letzte Stück hinunter an den Colorado. Ich bestieg die Stahlbrücke, die hier den Fluss überspannte und warf einen Blick in diese imposante Schlucht: ich war wirklich angekommen.

 

Danach stillte ich meinen Hunger, rollte die Isomatte aus und machte mich lang. Erst mal ausruhen! Wegen der Hitze wurde sogar die Sittenstrenge im sonst so prüden Amerika etwas lockerer genommen. Ein Blick in die Runde zeigte mir: nicht nur bei mir war die Badehose das einzige Kleidungsstück. Langsam versank der Canyon in der Dämmerung. Ich schlief kurz darauf ein und wachte gegen 23 Uhr wieder auf, als es sich auf immerhin 32 Grad „abgekühlt“ hatte und ich mir den Schlafsack überwerfen konnte. 

 

Den Rest der Nacht schlief ich gut. Doch schon gegen drei Uhr morgens flackerten die Lichter der Headlights über den Campground, als die ersten Hiker sich parat machten. Jeder wollte natürlich solange wie möglich in der Morgenkühle laufen. Auch ich sammelte meine Utensilien zusammen und war kurz nach vier Uhr wieder auf dem Trail. Um zehn Uhr hatte ich den auf halbem Weg liegenden Cottonwood Campground erreicht und machte eine erste Pause. Danach war dann wieder Backofen-Feeling angesagt und der Weg stieg stetig an. Aber obwohl es von jetzt an anstrengend wurde, kam ich noch gut vom Fleck. Um drei Uhr war ich dann wieder bei Roaring Springs angelangt, wo ich mir ein Stündchen Pause gönnte. 

 

Zum Glück lag der Rest des Weges schon im Schatten, aber ich hatte jetzt die letzten fünfhundert Höhenmeter vor mir, wo der Weg richtig steil anstieg. Schon bald kam ich an meine Grenzen. Da hier auch die Maultier-Touren nach Roaring Springs  stattfanden, war der Boden mit Urin getränkt und mit von Fliegen umsummten Pferdeäpfelhaufen bedeckt, deren intensives „Aroma“ mir fast die Sinne raubte. Die letzte Stunde wurde dann richtig heftig: immer eine Viertelstunde laufen, danach fünf Minuten Pause. Ich war am Ende meiner Kräfte.

 

Als ich dann um sechs Uhr abends endlich wieder oben stand und zurückblickte, erfüllte mich ein Gefühl von tiefer Zufriedenheit. Es war gar nicht so sehr ein Gefühl von „Ich habe es geschafft!“, sondern von Dankbarkeit, dass ich diese Erfahrungen  hatte machen können und ohne Blessuren überstanden hatte. Immerhin hatte ich in diesen zwei Tagen mit ca. 12 kg Gepäck über fünfzig Kilometer zurückgelegt und die Höhendifferenz von 1400 Metern zweimal überwunden. Auch wenn meine Beine ziemlich schmerzten: ich war rundum glücklich. Auf meinem Stellplatz angekommen, gab es eine ausgiebige Dusche aus der Gallone und ein ebenso ausgiebiges Essen, dem – wen wundert’s – ein tiefer Schlaf folgte.     

*) Solche kurzfristigen Reservierungen sind heutzutage gar nicht mehr möglich. Die Plätze auf den Campgrounds an den verschiedenen Wegen in den Canyon sind heute schon ein halbes Jahr vorher ausgebucht. Reservierungen sind nur noch per Internet möglich.

Blick vom Südrand zum Nordrand. Der Grand Canyon ist an der weitesten Stelle 30 Kilometer breit.

Am Nordrand auf dem Widforss Trail. Er ist nach dem schwedisch-amerikanischen Maler Gunnar Widforss benannt.

Er wurde berühmt für seine detaillierten und wunderschönen Aquarell-Gemälde der amerikanischen Wildnis. Der herzkranke Widforss durfte sich eigentlich nicht in Höhenlagen aufhalten.

Doch er liebte den Grand Canyon und besuchte ihn immer wieder. Bis er genau dort, in seiner Herzensheimat, einer Herzattacke erlag. Sein Grab befindet sich auf dem Grand Canyon Pionier Friedhof.